Köln, 17. Juni 1999
Sehr geehrter Herr Löchel,
Vielen Dank für Ihre Mitteilung vom 15. Juni 1999, die die Aussagen
in Ihrer Rezension im Wesentlichen wiederholt.
Erfreulicherweise lesen nicht alle Leser meines Buches in den beschränkten
Bahnen der Cultural Studies wie Sie (vgl. z.B.
Rafael Capurros Rezension oder die Rezension in ”Büchermarkt”
im Deutschlandfunk). Was Ihre Zeitschrift groß auf ihre
Fahnen schreibt als fortschrittliche Theoriebildung, nämlich die sog.
Kulturwissenschaften, ist - mit Verlaub - ein nicht sehr origineller Abklatsch
aus dem im provinziellen Deutschland stets tonangebenden Amerika.
Der Vorwurf von "heideggerianisierendem Jargon" ist billig und reiht
sich klischeehaft in die Tradition der Schelte seitens der Frankfurter
Schule ein, die nunmehr mit ihrem ”Kritischen Denken” mehrere Nachkriegsgenerationen
in Deutschland für anderes Denken verdorben hat. Es wird so weit kommen,
daß der in seinem die Metaphysik verwindenden Ansatz inzwischen völlig
vergessene Heidegger aus den USA nach Deutschland als Neuentdeckung reimportiert
werden muß. Da ich - aus dem Angelsächsischen herkommend - nicht
so belastet bin, kann ich über den Ausverkauf der Stärken des
deutschen Denkens und die Botmäßigkeit gegenüber dem Amerikanischen
als dem Besseren nur den Kopf schütteln. Aus der Angst, mit
rechtskonservativen Heideggerianern in Verbindung gebracht zu werden, hat
man das Heideggersche Denken im Ganzen und in seiner eigentlichen Tiefe
als "no-go zone" deklariert und damit eine massive Selbstverleugnung, ja
Selbstverstümmelung des Deutschen praktiziert. Der harmlosere Gadamer
- oder gar ein Habermas - muß als Platzhalter für das deutsche
Denken im 20. Jahrhundert herhalten.
Ihr Vorwurf, meine Darstellung gebe “althergebrachte Geschlechterstereotypen”
wieder, könnte nur zutreffen, wenn sie Zuschreibungen zu den Geschlechtern
vornähme. Es ist Ihnen wohl entgangen, daß die Darstellung mit
großer Sorgfalt etwa zwischen “Männern” und “männlich Seienden”
(kein Heidegger-Terminus übrigens) unterscheidet, so daß keine
Festlegung auf Stereotypen vorliegen kann. Wie wiederholt in aller Deutlichkeit
dargelegt, handelt die Abhandlung von Seinsweisen und nicht von den Seienden,
Männern und Frauen.
Freilich denkt meine Abhandlung "Althergebrachtes" hinsichtlich der
Phänomenalität der Geschlechter, aber sie denkt es von seinem
(ontologischen) Ursprung (der Ständigkeit) her, der nichts Geschlechtliches
ist. Genauso wie die ontologische Differenz bis heute nicht verstanden
und zu einem aufschließenden (hermeneutischen) Schlüssel geworden
ist, muß auch meine Abhandlung besonnenerer und wendigerer Geister
harren. Ihr kulturwissenschaftlicher Ansatz hingegen ist nicht in der Lage,
sich vom Ontischen der geschlechtlichen Gegebenheiten zu befreien, - selbst
wenn man/frau die empirische Materie sowie die Diskurse über diese
'zu Tode' erforscht. Was Sie als "Zementierung" in meinem Versuch brandmarken,
ist in Wahrheit der einzige Weg, um aus der Sackgasse der feministischen
Diskurse herauszukommen.
Wie anhand Ihrer Rezension offensichtlich, ist Ihnen die ontologische
Differenz ein Buch mit sieben Siegeln geblieben. Erst diese jedoch rechtfertigt
meine “Inanspruchnahme besonderer Tiefe”, wie Sie schreiben. Ihre Vorgehensweise,
einfach klingende Sätze zu zitieren, um sie dann als Trivialitäten
und Banalitäten hinzustellen - eine Methode übrigens die auf
jeden beliebigen Text der philosophischen Tradition angewendet werden kann
-, zeigt, daß Ihnen verborgen geblieben ist, aus welcher Dimension
heraus hier gedacht wird. Die Aufgabe des Denkens ist es jedoch, genau
das, was uns zunächst verborgen ist, aufzudecken.
Danke für Ihre Zeit.
Mit freundlichen Grüßen
Michael Eldred