1. Digitales SeinIm Zusammenhang mit der These eines digitalen Weltentwurfs drängt sich die Frage nach dem digitalen Sein auf, denn seine Herkunft, die wohl in der abendländischen Metaphysik liegt, ist bisher keineswegs hinreichend philosophisch geklärt. Das Digitale wird gemeinhin dem Analogen gegenübergestellt. Heutzutage bezieht sich diese Unterscheidung in erster Linie auf die Unterscheidung von elektromagnetischen Signalen jeglicher Art, sei es in der Telekommunikation, sei es in der elektronischen Musik, sei es in der Datenverarbeitung per Computer. Das digital Seiende zeichnet sich dadurch aus, dass es aus "binary digits" oder "bits" zusammengesetzt ist. Signale in der Telekommunikation z.B. werden in digitaler bzw. binärer Form durch ein Medium (Kabel der verschiedensten Art, die Luft, das All) gesendet. Im Grunde wird eine geordnete Reihe von Nullen und Einsen (Nichts und Etwas, reine Differenz) gesendet, die am anderen Ende beim Empfänger wieder so zusammengesetzt werden können und müssen, dass das entsprechende Ergebnis (eine Stimme, ein Text, eine Graphik, ein Klang, ein TV-Bild, ein Steuerungsbefehl etc.) hervorgebracht wird. Die Differenz zwischen 0 und 1 kann eine beliebige Differenz im natürlich Seienden sein wie etwa das Senden eines Signals von zwei verschiedenen Frequenzen oder zwei beliebig verschiedene energetische Zustände eines elektromagnetischen Systems wie z.B. die Ausrichtung von Eisenmolekülen. Die Differenz als Differenz ist etwas, was wir als Menschenwesen verstehen, d.h. wir vermögen (binäre) Differenz als solche zu verstehen und so digitale Wirkungen zu zeitigen. Bereits in der griechischen Metaphysik spielt das Genus von to\ e/(teron (das Andere) gegenüber to\ au)to/ (dem Selben), d.h. die Differenz des Einen vom Anderen, eine gewichtige Rolle im Denken des Seins und des Nichtseins zumal bei Platon.Elektromagnetische Signale als natürlich Seiendes (fu/sei o)/nta) sind jedoch von sich aus zumeist nicht in irgendeiner Form gegliedert, sondern kontinuierlich. Sie lassen sich mathematisch durch stetige Funktionen der Zeit (y = f(t)) darstellen. Das Ästhetische bzw. Aisthätische (Gr.: ai)/sqhton, sinnlich Wahrnehmbares) ist naturgemäß (fu/sei) kontinuierlich. Wir nehmen zunächst immer ein Ganzes wahr, das nicht gegliedert ist, z.B. wir sehen einen Wagen auf der Straße vorbeifahren. Dies ist ein kontinuierliches Geschehen in der Zeit. Eine Videokamera kann diese Szene aufnehmen, und der Videofilm kann etwa im Fernsehen ausgestrahlt werden. Die Fernsehzuschauer werden immer noch ein Ganzes wahrnehmen, nämlich, die Szene eines vorbeifahrenden Wagens. Zwischen der 'live' Szene und der wahrgenommenen Fernsehsequenz liegt die gegliederte digitale Auflösung bzw. Auseinandernahme der Szene und ihre technische Wiederzusammensetzung als Bild. So weit, so gut. Diese gegliederte Auflösung des Wahrgenommenen bedarf jedoch der ontologischen Klärung. Was geht da vor, d.h. was muss vorgängig (apriori, 'vorherig'(1)) gegeben sein, damit die digitale Technik greifen und begreifen kann? Was heißt Auflösung bzw. Auseinandernehmen (diai/resij) ontologisch? Was hat die Diskretheit des digital Seienden mit dem Seienden als solchem zu tun? Was hat die Zahl ontologisch mit dem Seienden als solchem zu tun? Und wie hängt die digitale Auflösung mit dem lo/goj (der Sprache, der Vernunft, dem Wissen) zusammen? Bei der digitalen Technik müssen zwei verschiedene, beständige Signale, Polarisierungen, 'bits', Materiezustände etc. gegeben sein, die als 0 und 1 verstanden (ausgelegt) werden können. Die Kategorien von einem Etwas (ti\) und einem anderen Etwas (to\ e(/teron) in einer Beständigkeit (a)ei\ o)/n) sind (meta-physisch) vorausgesetzt. Weiter gibt es die Einheit (mona/j) und die Zweiheit (du/aj). Wie hängen diese Kategorien alle zusammen? Wir nehmen wahr und verstehen elektromagnetische Strömungen, Zustände etc. nicht nur als solche, sondern als binäre Differenz, weil diese Strömungen etc. immer schon vorgängig etwa durch das technologische Wissen der Hardware oder der Nachrichtentechnik als solche binäre Differenzen entworfen und ausgelegt sind. Das Ereignis, die binäre Differenz als solche wahrnehmen zu können, ist geschichtliches Geschick, d.h. eine Art und Weise, wie in der abendländischen Geschichte das Sein des Seienden sich zeigt. Es ist unmöglich, etwa die Wahrnehmung eines Ganzen als einen Prozess des Gehirns in der Zeit zu erklären, denn die Kategorie des Ganzen (o(/lon), des Etwas (ti\) ist schon vorgängig 'gesichtet', d.h. bevor irgendwelche 'Daten' vom Gehirn erfasst werden. Dieses Vorgängige ist dem metaphysischen Blickvermögen des Menschen zuzuschreiben und ist traditionell Thema der Metaphysik. Die Wissenschaften hingegen erforschen ihren jeweiligen Gegenstand aufgrund eines vorgängigen Seinsverständnisses der Region des Seienden, die sie jeweils erforschen. So ist z.B. der mathematische Entwurf der Natur worüber viel zu sagen wäre , der die moderne Physik ab dem 17. Jh. ermöglicht hat, nicht selbst eine Frage innerhalb der Physik, sondern wird vielmehr von ihr vorausgesetzt. Vermutlich verhält es sich ähnlich bei der digitalen Auflösung des Seienden heute. Es gilt, diese Zusammenhänge mit der Metaphysik ausdrücklich ans Licht zu bringen. Nicht nur Platon (und die Pythagoreer), sondern vor allem Aristoteles sind gefragt. Als Ausgangspunkt für diese ganzen Überlegungen dient mir die folgende Passage aus Heideggers Sophistês-Vorlesung im Wintersemester 1924/25 in Marburg: Dabei ist zu beachten, dass für Aristoteles die primäre Bestimmung der Zahl, sofern sie auf die mona/j als die a)rxh/ zurückgeht, einen noch viel ursprünglicheren Zusammenhang mit der Konstitution des Seienden selbst hat, sofern zur Seinsbestimmung jedes Seienden ebenso gehört, dass es 'ist', wie dass es 'eines' ist; jedes o)/n ist ein e(/n. Damit bekommt der a)riqmo/j im weitesten Sinne der a)riqmo/j steht hier für das e(/n für die Struktur des Seienden überhaupt eine grundsätzlichere Bedeutung als ontologische Bestimmung. Zugleich tritt er in einen Zusammenhang mit dem lo/goj, sofern das Seiende in seinen letzten Bestimmungen nur zugänglich wird in einem ausgezeichneten lo/goj, in der no/hsij, während die geometrischen Strukturen allein in der ai)/sqhsij gesehen werden. Die ai)/sqhsij ist das, wo das geometrische Betrachten halt machen muss, sth/setai, einen Stand hat. In der Arithmetik dagegen ist der lo/goj, das noei=n, am Werk, das von jeder qe/sij, von jeder anschaulichen Dimension und Orientierung, absieht. (Gesamtausgabe Band 19 = GA19:117)Das sind allerdings erst Andeutungen seitens Heidegger, und die Passage bedarf noch unter der Führung von Heideggers Leitgedanken einer weiteren Kommentierung und Vertiefung, denen wir uns jetzt zuwenden. 2. Zahl und SeinBei Aristoteles ist die Zahl ein von den natürlich Seienden Herausgelöstes, ein Abstrahiertes. Die Herauslösung bzw. Abstraktion besteht für Aristoteles darin, dass das Seiende ortlos wird, es wird aus seiner Umgebung herausgetrennt (xori/zein), um in der Abstraktion Zahl zu werden. Wo einerseits die natürlich Seienden (fu/sei o)/n) durch Kontinuität gekennzeichnet sind, sind die Zahlen, die ursprünglich durch ein Zählen, d.h. ein iteratives Verfahren, entstehen, voneinander getrennt. Die Kontinuität besteht in dem Sichzusammenhalten der Punkte (sti/gmai), die alle eine Position haben, d.h. gesetzt sind. Die Punkte hängen zusammen, indem sie sich an ihren Extremitäten (e)/sxata) berühren. Sie teilen sogar ihre Extremitäten. Die Punkte sind alle gleich, sind aber durch ihre Positionen differenziert. Hingegen sind die Zahlen zwar ortlos und auch ohne Position, aber in sich differenziert. Sie tragen die Differenz in sich selbst, während die Punkte sich nur durch einen Positionsunterschied differenzieren können. Z.B. unterscheidet sich 3 von 5, aber zwei Punkte auf einer Linie sind gleich (au)to/). Die Herauslösung der Zahlen aus den natürlich Seienden eröffnet die Möglichkeit eines Rechnens mit Zahlen, sie sind dem logismo/j freigegeben, aber um den Preis (oder den Vorzug), dass sie ortlos und positionslos werden. Eine solche Orts und Positionslosigkeit, so scheint es, charakterisiert die digital Seienden, mit denen wir es heute zu tun haben. Die Materie in ihrer Kontinuität und Ortsgebundenheit wird für sie indifferent.Für Aristoteles ist die mona/j die a)rxh/ der Arithmetik. Sie darf mit dem e(/n nicht verwechselt werden, das noch dem natürlich Seienden gehört. Wenn manche meinen, dass die Zahlen laut Aristoteles mehrfach sein müssen, d.h. mindestens 2, um Zahlen zu sein, scheint es mir, dass das nur sinnvoll ist, wenn man das Zählen einer Anzahl zugrunde legt. Auf jeden Fall sind die Stellen bei Aristoteles selbst in diesem Punkt keineswegs eindeutig (vgl. Phys. IV 12;220a17). Grundlegender jedoch ist die Unterscheidung zwischen mona/j und e(/n. Ausgehend von der mona/j kommt man beim Zählen auf die Zwei als angeblich erste Zahl. Aber schon die mona/j muss sich auch gegen ein Anderes abheben, gegen ein Nichts, eine nichtige Zahl, d.h. es muss eine Differenz geben zwischen 1 und 0, die der Differenz zwischen einem einheitlichen Etwas (ti\, e(/n) und Nichts entspricht. Erst von dem Prinzip der Einheit (Monade) aus lässt sich die Arithmetik aufbauen. Alle Zahlen lassen sich binär darstellen bzw. manipulieren bzw. berechnen. Solche binäre Darstellung der Zahlen ist der handfeste Beweis für die aristotelische Einsicht, dass die mona/j das Prinzip, d.h. der bestimmende Ausgang, des Zählens und der Zahlen ist. Selbst die Kontinuität lässt sich durch eine Annäherung von binär dargestellten Zahlen wieder einholen. So ergibt sich letztlich auch die analytische Geometrie und die Differentialrechnung, die Descartes, Newton und Leibniz entdeckten bzw. entwickelten. Heidegger stellt die Herauslösung der geometrischen und mathematischen Gebilde aus den natürlich Seienden nach Aristoteles in seiner Sophistês-Vorlesung (GA19 § 15 Exkurs: Allgemeine Orientierung über das Wesen der Mathematik gemäß Aristoteles S. 100ff) dar. Der wesentliche Grundakt der Mathematik für Aristoteles ist das xori/zein, das Trennen von bzw. Herausnehmen aus den fu/sei o)/nta, die alle einen Ort und einen Platz (to/poj, xw/ra) haben. Die geometrischen Gebilde haben keinen Platz mehr (a)/topoj), aber sind gesetzt, positioniert (qeto/j). Das Geometrische ist nicht mehr an seinem Ort. Die pe/rata sind nicht mehr als die Grenzen des physischen Körpers verstanden, sondern sie erhalten durch die qe/sij eine eigentümliche Eigenständigkeit, die dann in der Geometrie in dieser Eigenständigkeit behandelt werden kann. Diese Eigenständigkeit steigert sich bei den Zahlen (a)riqmoi/), die weder einen Ort (a)/topoj) noch eine Position (a)/qetoj) haben. Die Zahlen stehen jede für sich, während die Punkte einer geometrischen Figur alle gleich sind und, was sie sind, nur im Verhältnis zu anderen Punkten sind, d.h. in ihrer Position zueinander, d.h. sie bedürfen noch der Bestimmung des pro/j ti, der Relativität, um geometrisch zu sein. Während arithmetische Entitäten durch Zahlenmengen gebildet werden, wo jede Zahl diskret ist, sind geometrische Figuren nicht einfach aus Punkten zusammengesetzt (eine Linie ist nicht einfach eine Ansammlung bzw. ein Haufen von Punkten, eine Fläche nicht lediglich eine Ansammlung von Linien, ein Körper ist nicht einfach eine Ansammlung von Flächen), sondern sie besitzen jeweils eine eigentümliche komplexe zusammenhängende Struktur, die Aristoteles in sieben Schritten aufbaut. Es geht ihm dabei um die unterschiedlichen Zusammenhangsweisen der Punkte untereinander, wo die Kontinuität, die dem aisthätischen Umriss des natürlich Seienden am nächsten kommt, am komplexesten ist. i. a(/ma = zugleich; wenn Dinge an einem
Ort sind
Was ontologisch am komplexesten ist, d.h. die geometrischen Figuren, ist für die sinnliche Wahrnehmung am einfachsten, aber für die Berechnung noch sehr unhandlich. Und umgekehrt: was ontologisch einfacher ist, d.h. das Arithmetische, ist der sinnlichen Wahrnehmung nicht zugänglich, aber lässt sich ohne Schwierigkeit berechnen. Heidegger referiert auch in der Sophistês-Vorlesung Cat. 6: 'Über die Quantität' (po/son). Die Quantität ist teils diskret (diwrisme/non oder in sich selbst auseinander grenzend), teils kontinuierlich (sunexe/j oder sich in sich selbst zusammenhaltend). (Vgl. Met. V, 13 Quantitativ heißt, was in mehrere immanente Bestandteile zerlegbar ist. Was quantitativ zählbar ist, ist Menge; was messbar ist, ist Größe. Menge zerfällt potentiell in diskrete Bestandteile, Größe zerfällt potentiell in kontinuierliche Bestandteile.) Die Kontinuität "ist die seinsmäßige Bedingung dafür, dass es so etwas wie Erstreckung, me/geqoj, gibt" (GA19:118; vgl. die Ausdehnung bzw. extensio bei Descartes), und die Bewegung ist nur verständlich, wenn "von einem Punkt zum anderen stetig fortgeschritten werden kann" (ebd.). Die Zahlen und die Logoi sind gegeneinander abgegrenzt, d.h. diskret, während geometrische Figuren wie Linie, Fläche, Körper, die Zeit und Orte stetig sind. Das Diskrete besteht aus Teilen, die nicht gesetzt sind, d.h. keine Position haben; das continuum aus Teilen, die gesetzt, positioniert sind. Deshalb ist die Weise ihres Zusammenhangs bzw. ihrer Einheit verschieden. Die Teile bei den Zahlen haben keinen gemeinsamen o/(roj oder Begrenzung. Bei der Zahl 10 zum Beispiel gibt es bei den Teilen 5 und 5 keine gemeinsamen Grenzen, jeder ist für sich, gegeneinander abgegrenzt, diwrisme/non, jeder ist etwas anderes, so auch bei 7 und 3. Die mo/ria (Teile) können nicht zusammengenommen werden, es gibt kein koino/n (Allgemeines), mit Hinblick auf welches jede Zahl ein Fall wäre, d.h. eine Generalisierung ist nicht möglich. Wie ist aber dann der Zusammenhalt möglich? Aristoteles erläutert dies am Beispiel des lo/goj: er ist meta/ fwnh\ gigno/menoj, also Verlautbarung. Diese ist artikuliert in einzelne Silben als ihre stoxei=a (Elemente), die gegeneinander absolut abgegrenzt sind. Es gibt also eine eigentümliche Einheit des nicht-stetigen Mannigfaltigen, wo jeder Teil eigenständig ist. Die Silben sind eigenständig. Es gibt keine Silbe überhaupt und auch keine Zahl überhaupt. Die Einheit der mannigfaltigen Elemente kann nur im lo/goj bzw. nou=j selbst liegen, der die Teile zusammenhält bzw. sammelt, denn es gibt keinen bloß sinnlich wahrnehmbaren Zusammenhang, z.B. warum bestimmte Silben oder Zahlen nebeneinander stehen sollten. Indem der lo/goj das Seiende in seinem Sichzeigen aneignet, artikuliert er es zugleich in seine 'Artikel'. Es findet ein diairetisches Auseinandernehmen in Silben statt, das noch weiter in numerische Ziffern artikuliert werden kann. Die Logik des lo/goj mündet letztlich in die digitale Ent-Zifferung des Seienden im Ganzen, die einer En-Zifferung des Seienden gleichkommt. Die Entbergung des Seienden in seinem Sein läuft dann darauf hinaus, es digital-artikulierend zu en-ziffern. Dagegen ist ein Punkt wie alle Punkte. Die Linie hat eine andere Weise der Einheit. Man kann aus ihr etwas herausnehmen und im gleichen Sinne ansprechen wie bei jedem anderen Teil. Die Punkte sind alle gleich. Aber eine Linie ist mehr als eine Mannigfaltigkeit von Punkten, die Punkte sind in Position gesetzt (qeto/j) und sunexe/j, sichzusammenhaltend. Dieses fehlt bei der Zahlenreihe, die ja nur durch e)fech=j(Nacheinander, Reihen-Folge) bestimmt ist, wo ein Medium dazwischen nicht vonnöten ist. Die Zahl ist deshalb ontologisch früher als die Punkte in ihrem continuum. Die Zahl ist noch von Orientierung und Position frei und deshalb eigenständig und muss ohne ai)/sqhsij, also nur mit dem nou=j vernommen werden. Als ontologisch einfacher bzw. ursprünglicher kommt die Zahl in einen ursprünglichen Zusammenhang mit den einfachsten Kategorien wie etwa dem Etwas (ti\), wenn man nach der Struktur des Seienden (to\ o)/n) fragt. "Darin liegt begründet, dass die radikale ontologische Besinnung Platons bei der Zahl ansetzt." (GA19:121) Dennoch ist für Aristoteles die Arithmetik nicht die ursprünglichste Wissenschaft vom Seienden in seinem Sein, denn die a)rxh/ der Zahl, d.h. die Einheit (mona/j), muss in ihrem Zusammenhang mit der Eins (e(/n) in der Metaphysik aufgeklärt werden. Und dieser Zusammenhang liefert den Schlüssel zum Wesenszusammenhang zwischen der Zahl, dem Logos und dem metaphysischen Zugang zum Seienden als o)/n lego/menon überhaupt. Der ontologische Aufbau bei Aristoteles von Punkt und Zahl, vom Geometrischen und Arithmetischen zeigt, wie sich der rechnende Logos vom sinnlich Seienden onto-logisch befreit. Der Logos und die Zahl sind beide nicht nur ortlos wie auch die Punkte , sondern auch ohne Position. Diese Befreiung von solchen Bestimmungen gibt der arithmetischen Berechnung eine ungeheure Kraft, die selbst die Kraft des geometrischen Wissens mit seiner Bindung ans Äisthätische, d.h. sinnlich Wahrnehmbare, übersteigt. Die digitale Welt als die Vollendung dieser von Aristoteles zuerst vorgezeichneten Laufbahn ist eine aus den natürlich Seienden herausgelöste, abgetrennte Zahlenwelt, die durch den lo/goj, d.h. den logismo/j, beliebig (heute: durch Computer) manipuliert und berechnet werden kann. Heute schickt sie sich an, die Gestalt der computergesteuerten, telekommunikativen Welt anzunehmen, die durch eine Beliebigkeit des Ortes charakterisiert ist. Die Indifferenz dem Ort gegenüber ist zugleich eine Indifferenz dem Leib gegenüber; Cyberspace ist für den Leib ein vom natürlich Seienden abstrahierter Raum. Insofern (aber nur insofern) ist die Rede vom 'virtuellen Raum' gerechtfertigt (s. 4. Räumlichkeit des elektromagnetischen Mediums). Man könnte vielleicht meinen, dass so wie die Griechen die Mathematik aus dem nützlichen Zusammenhang mit der fu/sij lösten, so lösen wir sie heute aus ihrem gedanklichen Zusammenhang mit dem menschlichen Geist (nou=j) und dem menschlichen Leib und verlagern sie nicht mehr an einen theo-logischen, sondern an einen techno-logischen Ort. Aber solche ungefähre Meinungen sind schlecht durchdacht, denn bei Aristoteles gibt es eine Zweideutigkeit im Wesen seiner metaphysischen Untersuchungen als der Untersuchung des Seienden als solchen einerseits und als einer Untersuchung des höchsten Seienden (Gott) andererseits. Bei der metaphysischen Untersuchung der Zahlen und der geometrischen Gegenstände spielt das höchste Seiende jedoch keinerlei Rolle, und deshalb ist die Rede vom Theo-Logischen in diesem Zusammenhang nicht von Belang. Vielmehr zeigt es sich, dass die heutige digitale Technik ihren metaphysischen Ursprung gerade bereits am Anfang der Metaphysik hat, die somit die westliche Zukunft vor gezeichnet hat. Zudem werden die natürlich Seienden nirgendwohin verlagert, vielmehr wird von ihnen abstrahiert, d.h. abgezogen. Sie bleiben, wo sie sind. Die heutige digitale Technologie löst die natürlich Seienden keineswegs aus 'ihrem gedanklichen Zusammenhang mit dem menschlichen Geist', sondern die digitale Technologie ist selbst in erster Linie eine Weise des menschlichen Denkens, wie es dem Sein übereignet ist. Es gibt eine stufenweise Abstraktion vom natürlich Gegebenen zum Geometrischen (das noch ästhetisch, aber ortlos ist) und dann weiter zum Mathematisch-Arithmetischen (das weder ästhetisch noch verortet noch positioniert ist). Erst bei der zweiten Ablösung wird die Berechnung völlig vom natürlich Seienden befreit. Und es ist dieses berechnende Denken, das dann in durch die digitale Technologie 'bereitgestellte' Rechenmaschinen ausgelagert und so selbständig gemacht wird. Die mathematische Abstraktion ist eine metaphysisch vorgezeichnete Weise, wie das Seiende im Ganzen dem Dasein entborgen wird. Sofern die Physik mathematisch ist, verlässt sie sich auf die Diskretheit der Zahlen, aber: die Zahlen lassen sich der fu/sei o)/nta auch beliebig nah annähern. Das war die große Entdeckung der mathematischen Differential-/Infinitesimal-/Integralrechnung durch Newton und Leibniz, denn erst so wurden die natürlich Seienden beliebig berechenbar, d.h. die beliebig nahe Annäherung der Zahl ans Kontinuierliche wurde möglich. Seit langem ist die Physik durch einen Streit über die fundamentale Natur des physisch Seienden: Welle oder Partikel (Atome)?, kontinuierlich oder diskret? gekennzeichnet. Dieser Streit ist innerhalb der Physik selbst nicht entscheidbar, da die Unterscheidung in der Ontologie selbst (d.h. vom Sein her) geklärt werden muss, wo die Unterscheidung zwischen Kontinuierlichen und Diskreten, d.h. dem Sich-in-sich-selbst-Zusammenhaltenden und dem In-sich-selbst-Auseinandergegrenzten (vgl. GA19:118), als Seinsweisen ausgelegt werden kann und muss. Es ist ein frappierender Unterschied zwischen der Zahl und dem Punkt, dass jede Zahl eigenständig ist, während alle Punkte gleich sind. Die Analogie zwischen Zahl und Logos ist auch auffällig und hat wesentliche Folgen für das Erfassen des Seienden. Im vorbereitenden Teil seiner Sophistês-Vorlesung betont Heidegger den Zugang zum Sein (des Seienden) durch den Logos bei den Griechen. Für Platon und Aristoteles sei das Seiende ein o)/n lego/menon, d.h. Seiendes, wie es gesagt wird. Zugleich geht es beim Phänomen der Sophistik darum, dass das Seiende in erster Linie im Logos als Rede aufgedeckt bzw. verstellt wird, auch wenn für Aristoteles die höchste Form des Wissens, die sofi/a, durch den nou=j, der a)/neu lo/gou sein soll, zustande kommt. Wenn die Zahl sowie der Logos ein vom aisthätisch gegebenen, sinnlich Seienden Abgezogenes und Herausgenommes ist, dann liegt in diesem diskreten Auseinandernehmen des Seienden zugleich eine Entfernung von ihm, die es erlaubt, dass das Seiende durch den Logos (und durch die Zahl) anders vergegenwärtigt wird, als wie es sich von sich her (aisthätisch) zeigt. Mit dem Logos ist eine andere Vergegenwärtigungsweise vom Seienden gegeben. Heidegger schreibt z.B. in einer sehr markanten Formulierung: "Dieser Einbruch des lo/goj, des Logischen in diesem streng griechischen Sinn, in diese Fragestellung nach dem o)/n ist dadurch motiviert, dass das o)/n, das Sein des Seienden selbst, primär als Anwesenheit interpretiert ist und der lo/goj die Art ist, in der ich mir etwas, nämlich das, worüber ich spreche, primär vergegenwärtige." (GA19:225, von Heidegger selbst hervorgehoben) Hier ist der von Heidegger aufgedeckte Sinn von Sein als Anwesenheit, sowie die Verstrickung von Logos und Sein am Werk. Der primäre Sinn von Sein, die ou)si/a oder das Zugrundeliegende bzw. u(pokei/menon, ist das, was für das Darübersprechen in der Anwesenheit vorliegt. Was mich interessiert, ist, dass hier der frühe Heidegger einen Zugang zum Sein ohne den Logos sucht bzw. andeutet. Was schwebt ihm vor? Zunächst kann dieser Ansatz gegen den von Gadamer ("Sein, das verstanden werden kann, ist Sprache.") abgegrenzt werden: Das hermeneutische Phänomen wirft hier gleichsam seine eigene Universalität auf die Seinsverfassung des Verstandenen zurück, indem es dieselbe in einem universellen Sinne als Sprache bestimmt und seinen eigenen Bezug auf das Seiende als Interpretation. So reden wir ja nicht nur von einer Sprache der Kunst, sondern auch von einer Sprache der Natur, ja überhaupt, von einer Sprache, die die Dinge führen.(2)Gadamers Ansatz zeigt, dass er nicht so ursprünglich wie Heidegger ansetzt, denn diesem geht es wesentlich darum, die Vorherrschaft des lo/goj in der Philosophie nach zweieinhalb Millennien zu brechen und zwar dadurch, dass die Erschlossenheit von Welt vor die sprachliche Auslegung derselben gelegt wird. Dabei verfolgt Heidegger den Leitfaden des Sinns von Sein als Anwesenheit und kommt auf die Zeit als die ursprüngliche Transzendenz zur Welt. Nun rückt statt der Anwesenheit als des zeitlichen Sinns des Zugrundeliegenden für das Darübersprechen das Phänomen Zeit selbst in den Brennpunkt des Denkens. Es geht also nicht darum, dass Heidegger hier so etwas wie ein "Ding an sich" im Auge hat, d.h. etwas, worüber er eigentlich nicht sprechen was er nicht begreifen kann, das er aber dennoch benennt, sondern um eine Weltöffnung, die dem Darüber-reden vorgängig vorausliegt, wie dies etwa in der Zeuganalyse in Sein und Zeit vorgeführt wird. Das Zeug in seinem Um-zu... ist vor jedweder Versprachlichung durch das Dasein seinsmäßig entdeckt, und das Besorgen von Zeug durch das Dasein wird letztendlich in seiner Zeitlichkeit als der alltägliche Sinn des Daseins ausgelegt. Heidegger setzt alles in Sein und Zeit auf einen "Nachweis der Abkünftigkeit der Aussage" (SZ:160), d.h. des lo/goj, um "deutlich zu machen, dass die 'Logik' des lo/goj in der existenzialen Analytik des Daseins verwurzelt ist" (ebd.). Er will den "lo/goj als einzige[n] Leitfaden für den Zugang zum eigentlich Seienden und für die Bestimmung des Seins dieses Seienden", wie er "in den entscheidenden Anfängen der antiken Ontologie" "fungierte" (SZ:154), zurücknehmen. Der 'eindimensionale' Sinn von Sein als ständige Anwesenheit bzw. "ständige Vorhandenheit" (SZ:96) wird in die volle Dimensionalität der Zeitlichkeit aufgefächert. Die Zeit, das In-der-Zeit-sein ermöglicht einen Zugang zum Sein, d.h. hält ihn offen, ohne den Logos bzw. dem Logos vorgängig. Das Zeitlichsein des Daseins kann nicht am Leitfaden des Logos aufgeklärt werden, sondern der Logos und seine Vorherrschaft als Ontologie können nur vom Zeitlichsein des Daseins her geklärt werden. Die Zeit allerdings ist nicht logisch-diskret, nicht digital auflösbar bzw. erfassbar, denn sie liegt nicht als ein im vorhinein Anwesendes vor. Sie liegt nicht vor wie ein u(pokei/menon für das Sprechen darüber, sie ist kein vorliegendes Etwas (ti\, ou)si/a), worüber gesprochen wird, denn ein vorliegendes Etwas ist nur gegenwärtig, was die Zeit auf das Jetzt (nu=n) reduzieren würde. "Aus der Herrschaft dieses Seinsbegriffs wird deutlich, warum Aristoteles die Zeit selbst aus der Gegenwart, dem 'Jetzt', auslegt." (GA19:633) Bedeutet dies, dass das durch den Logos bzw. die Mathematik geleistete Auseinandernehmen (diai/resij) des natürlich Seienden wesentlich vom Zustand des Seienden als eines gegenwärtig Vorliegenden abhängt? Jawohl. Während das Dasein in der vollen zeitlichen Dreidimensionalität seiner Existenz als entwerfend-geworfenes Schon-sein-bei... ausgelegt werden muss, um dem Phänomen desselben gerecht zu werden, kann das schon Vorliegende, worüber gesprochen wird, von dieser voll entfalteten Auslegung des Daseins her als ein abkünftiger Modus der Zeitlichkeit aufgeklärt werden. 3. Digital SeiendesWas ist ein digital Seiendes? Eine Antwort auf diese Frage setzt voraus, dass die digitale Technik und ihr Wesen aufgeklärt worden sind, was wiederum ein Verständnis des lo/goj zur Voraussetzung hat. Wir begnügen uns zunächst einmal mit einer vorläufigen Antwort, die das erste Aussehen eines digital Seienden fasst. Danach ist ein digital Seiendes nichts anderes als binärer Code, d.h. eine geordnete endliche Reihe binärer Zahlen. Wie diese Zahlen gewonnen werden, ist uns zunächst nicht einsichtig, nur dass sie aus dem natürlich Seienden irgendwie (aber wissend) herausgelöst worden sind. Da die Zahlen sowohl ortlos als auch positionslos sind, sind auch die digital Seienden ortlos. Als reine Zahlenreihe sind die digital Seienden vom natürlich Seienden völlig herausgelöst und sind insofern 'ideel' im platonischen Sinn. Diese Zahlenreihe ist jedoch auch irgendwo 'niedergeschrieben', d.h. in einem materiellen Medium geprägt wie ein gedrucktes Buch. Auch ein Buch kann äußerlich als eine geordnete Reihe von Buchstaben und sonstige orthographische Zeichen aufgefasst werden, wobei diese Schriftzeichen in Zahlen dargestellt und deshalb auch binär codiert werden können. Während jedoch ein Buch von einem Menschen gelesen wird, wird der binäre Code in der Regel von keinem Menschen (außer einem Programmierer) gelesen, sondern von einem anderen digital Seienden, nämlich dem Software-Programm, das das gelesene digital Seiende auf eine vorhersehbare, d.h. programmierte, Weise berechnet.Um das Wesen der digital Seienden einen Schritt weiter aufzuklären, müssen sie von der digitalen Technik her betrachtet werden, die bisher außer Acht gelassen worden ist. Der binäre Code eines digital Seienden ist eine Schrift, d.h. er ist die Einprägung eines lo/goj in ein Medium, wobei dieser lo/goj auch Zahlen, d.h. a)riqmoi/, enthalten und deshalb mathematischen Charakter im engeren Sinn besitzen kann. Der Logos jedoch ist eine Weise, wie das Seiende in seiner Wahrheit (diskret) angeeignet wird. "Zugeeignet wird im Erkennen und Sprechen die Wahrheit des Seienden, seine Unverborgenheit." (GA19:276 H.i.O.; vgl. 274, 391) Die Technik wiederum ist wesentlich ein Wissen, das einen Einblick in das Seiende gewährt. Die herstellende Technik bzw. te/xnh, d.h. die wissende poi/hsij, ist ein Wissen, wie ein vorausgesehenes Produkt hervorgebracht werden kann. Solches Wissen lässt sich niederschreiben. Die Niederschrift des Wissens wurde in erster Linie vom Menschen selbst gelesen, der das Wissen für sich angeeignet und angewandt hat, z.B. in der Produktion. Mit der digitalen Technik jedoch wird das Wissen nicht mehr lediglich in einer vom Menschen lesbaren Schrift niedergeschrieben, sondern in einer Schrift, die von einer Maschine gelesen bzw. als eine Reihe von Maschinenbefehlen ausgeführt werden kann. Die Schrift selbst kann in eine Maschine eingegeben werden, um sie zu steuern und damit eine Wirkung zu zeitigen. Die Schrift wird so zum digitalen Programm bzw. zur Vor-Schrift, das bzw. die eine Maschine welcher Art auch immer steuert und auf diese Weise 'produktiv' ist, d.h. eine Wirkung wie z.B. eine Zustandsänderung hervorbringt. Die Schrift als binärer Code bzw. als endliche Reihenfolge von diskreten binären Zahlen (denn jede Schrift kann binär dargestellt werden) wird der Reihe nach von der Maschine 'gelesen', d.h. jedes digitale Schriftzeichen bzw. jede Gruppe von digitalen Schriftzeichen dient zur Steuerung der Maschine durch Befehle. Ein einfaches Beispiel solcher Steuerung ist, wenn ein binär codierter, digitaler Text von einem digitalen Gerät wie z.B. einer Textverarbeitungsmaschine, einem PC etc. 'gelesen' wird, um den Text auf einem Bildschirm darzustellen bzw. wiederzugeben. Die Vor-Schrift in diesem Fall ist nicht lediglich der Text selbst in digitaler Form, sondern das Textverarbeitungsprogramm und die im Text eingebetteten Steuerungszeichen, die zusammen die Wiedergabe des Textes auf einem Bildschirm durch Steuerungsanweisungen ermöglichen. Die Programm-Vor-Schrift, die zur Steuerung einer Maschine eingesetzt wird, ist stets ein 'logisch' festgehaltenes Wissen, sofern sich der lo/goj das Seiende in seiner Wahrheit aneignet. Es gibt in dieser Hinsicht keinerlei Einschränkung in der Art des Wissens, z.B. ob es ein Wissen-wie oder aber ein Wissen-dass ist, außer dass das Wissen im weitesten Sinn technisch sein muss. Das Wesentliche an der digitalen Technik ist, dass ein Wissen durch die Vor-Schrift eines Programms in einer Maschine ausgelagert werden kann, wo sie dann Wirkungen selbsttätig zeitigt. Das Wissen ist ein theoretisches Vorverständnis eines bestimmten Sachverhalts, das als digitales Programm die Automatisierung bestimmter vordefinierter Verfahren ermöglicht. Seit dem Einbruch der Neuzeit, in der das Seiende erstmals als res extensa entworfen wurde, wurde der theoretische Zugang zum Seienden in seinem Sein durch Messbarkeit ermöglicht. Die theoretische Aneignung des Seienden ist dann eine Entbergung desselben durch ein quantitatives Messen. Das Verhalten eines gegebenen Sachverhalts wird dann theoretisch durch quantitative Verhältnisse erfassbar bzw. wissbar, und dieses Wissen kann dann in Rechenmaschinen im weitesten Sinn programmiert werden, die das am Seienden Gemessene gemäß einer Theorie weiterberechnen. Die Weiterberechnung dient dann entweder dem tieferen Wissen eines Sachverhalts und/oder der womöglich automatischen Steuerung eines vorher eingerichteten Prozesses, in dem der gemessene bzw. weiterberechnete Sachverhalt als Steuerungsvariable in den Prozess eingegeben wird. Um zum einfachen Beispiel eines Buchs gegenüber einem aus binärem Code bestehenden digital Seienden zurückzukehren: Der Unterschied zwischen einem Buch und einem digital Seienden ist, dass Bücher noch auf die Prägemasse (e)kmagei=on) Papier zur ihrer Vervielfältigung angewiesen sind, während das heutige digital Seiende lediglich eines elektromagnetischen Mediums bedarf (Diskette, Festplatte, Magnetband etc.), das zudem beliebig austauschbar und reproduzierbar ist. Bereits in der Möglichkeit der Vervielfältigung liegt eine Beliebigkeit des Ortes, selbst bei Manuskripten, die kopiert werden können. Dies ist nur ontologisch möglich wegen der wesenhaften Ortlosigkeit und Diskretheit des Logos selbst, der überall das Seiende, worüber gesprochen wird, vergegenwärtigen kann. Auch der digitale Code als dem Logos wesensverwandt nimmt an der wesenhaften Diskretheit und Ortlosigkeit teil. Während der gesprochene, verlautbarte Logos das Seiende in einer Situation, d.h. an einem Ort des Mitseins, vergegenwärtigt, vergegenwärtigt ein Buch oder digitaler Code Seiendes nur, indem es bzw. er gelesen wird, wobei im Hinblick auf den digitalen Code das 'Lesen' hier stets eine Verarbeitung von dem ist, was in der Programm-Vorschrift vor(her)gesehen ist. Die im Buch aufbewahrte Schrift bzw. der aufbewahrte binäre Code ist aber auch ein Seiendes für sich, das an irgendeinem Ort aufbewahrt wird, auch wenn dieser Ort völlig beliebig ist oder zumindest der Ort, wo ein Buch oder ein digital Seiendes aufbewahrt wird, ist ein Platz in der Platzmannigfaltigkeit für das Dasein, wo es 'griffbereit' gehalten wird. Auf jeden Fall löst die digitale te/xnh ein logisch-digitales Gebilde aus dem natürlich Seienden heraus, wo es dann keinen Topos, d.h. keinen Ort gibt, wo das digital Seiende 'natürlich' hingehört und hintendiert. Die digital Seienden bedürfen immer noch einer Materie, nämlich eines elektromagnetischen Mediums, die bzw. das sich irgendwo befindet, aber dieser Ort ist beliebig und steht zur Disposition für das Dasein, das seine Welt je nach Belieben ausrichtet. Oder aber die digital Seienden sind dem Gestell gemäß hingestellt und so abrufbereit angeordnet, entsprechend den Anforderungen des Kreisens des Bestellens von allem Seienden. Der Cyberspace selbst besitzt eine eigene, eigentümliche Räumlichkeit, er ist nicht bloß 'virtuell', sondern hat eine eigene Ausgerichtetheit und Durchmessbarkeit (s. 4. Räumlichkeit des elektromagnetischen Mediums), und in diesem kybernetischen Raum können die digital Seienden beliebig angeordnet, bewegt und vervielfältigt werden. In gewisser Weise sind die digital Seienden, sofern sie lediglich als geordnete Reihen binärer Codes betrachtet werden, nichts anderes als Schrift-Stücke, die irgendwo im elektromagnetischen Medium aufbewahrt werden und auch beliebig abgerufen werden können. Solche Beliebigkeit des Ortes kommt daher, dass metaphysisch betrachtet der Logos und die Zahl beide durch eine Herauslösung aus dem natürlich Seienden gewonnen werden. Während der geschriebene Logos das Wissen, und d.h. hier in erster Linie das technische Wissen, aufbewahrt, wird mit den ausführbaren digitalen Zeichenreihen das Wissen in eine selbsttätige Form umgesetzt, die es erlaubt, Wirkungen zu zeitigen und Prozesse zu steuern. Der Logos in der Form des digitalen Codes tritt somit in das Seiende wieder ein, um es unmittelbar zu manipulieren. Es kann hier eine Unterscheidung gemacht werden zwischen digital Seienden, die vom Menschen selbst irgendwie gelesen werden, und digital Seienden, die zur automatischen Steuerung irgendeines Prozesses eingesetzt werden, d.h. digital Seiendes, das produktiv ist im Sinne der Zeitigung einer Wirkung. Von Menschen lesbares digital Seiendes umfasst nicht nur textartige Dateien, sondern alle Codereihen wie Bild, Ton, bewegtes Bild, die, wenn sie durch die geeignete Hardware dargestellt werden, auf die Sinne wirken und durch die sinnliche Wahrnehmung hindurch vernommen und verstanden werden können. Der Maschinencode andererseits muss nur Prozesse auf im Voraus berechnete Weisen steuern. Um dies zu leisten, muss der Prozess selbst auf eine mathematisch berechenbare Weise verstanden worden sein. Der Programmierer setzt dieses Verständnis in maschinenlesbaren digitalen Code um denn jede Programmierungssprache muss letztlich in digitalen Maschinencode im engen Sinn übersetzt werden, der ausschließlich aus binären bits besteht , der dann in einem bestimmten, vorhergesehenen Zusammenhang berechenbare Steuerungswirkungen zeitigt. So wird das kybernetisch-technische Wissen selbsttätig und verselbständigt sich tendenziell gegenüber den Menschen, denn, obwohl jedes Programm einzeln noch gelesen und nachvollzogen werden kann, sind die Einsatzmöglichkeiten der automatischen Steuerung schier unbegrenzt und führen so zu komplexen, unübersichtlichen Steuerungsgeflechten. Zudem zeitigen Steuerungsprozesse, die nicht mehr auf den jeweiligen Kontext abgestimmt sind, automatisch unsinnige oder gar abträgliche Wirkungen. Ein in digitalem Code programmiertes Verständnis wird so möglicherweise zu einem argen, folgenreichen Missverständnis. Wenn jedes digitale Programm als die Umsetzung eines Teilverständnisses von Welt aufgefasst werden kann, dann bedeutet die beliebige Vervielfältigungsmöglichkeit von digitalem Code, dass das digitalisierte und kybernetisch in Software umgesetzte Wissen überall abrufbereit zur Verfügung steht. Die Ortlosigkeit des Logos nimmt damit einen neuen Sinn an: nicht nur wird das arithmologische Wissen durch eine herauslösende Abstraktion gegenüber dem Seienden gewonnen, sondern dieses Wissen kleidet sich jetzt als binärer Code in eine technisch omnipräsente Gestalt. Das Wissen ist dann nicht nur als Wissen universell im Sinne einer allgemeinen Nachvollziehbarkeit und Anwendbarkeit, sondern auch materiell universell in der Gestalt von universell zugänglichem binärem Code. Ein Medium ist das, wodurch anderes Seiende sich bewegen kann. Das technisch hergestellte, elektromagnetische Netz ermöglicht technisch die freie Beweglichkeit der digital Seienden durch das Medium des Netzes. Jeder Ort im Netz kann durch Koordinaten angegeben werden. Da das elektromagnetische Medium homogen ist (jeder Ort ist mit jedem anderen gleichgestellt), lässt sich jeder Ort im Netz durch reine Zahlenkoordinaten angeben. Vernetzung heißt nur, dass alle Koordinaten direkt oder indirekt so miteinander verbunden sind, dass digital Seiendes sich von einem beliebigen Koordinaten-Ort im Netz zu einem beliebigen anderen Koordinaten-Ort im Netz frei bewegen kann. Die Einschränkungen dieser Beweglichkeit sind lediglich technischer Natur, die wiederum technisch behoben werden können. Das homogene Medium des elektromagnetischen Netzes hat zur Folge, dass digital Seiende global zum Abruf bereit liegen. So ergibt sich eine Art globaler 'Bibliothek', deren 'Bücher' bzw. Schrift-Stücke aus reinem binärem Code bestehen. Diese binären Schrift-Stücke bestehen nicht nur aus lesbaren Texten im üblichen Sinn, sondern auch aus sinnlich erfahrbaren Darstellungen sowie ausführbarem Maschinencode. Das natürlich Seiende der Welt wird dadurch vielfältig bzw. vielschichtig angeeignet, und das technische Wissen von der Welt wird auch vielfältig in automatisch ausführbaren Programmen umgesetzt, die nur von Rechenmaschinen 'gelesen' zu werden brauchen, um ihre Wirkung zu entfalten. Solche Programme, die aus digitalem Maschinencode bestehen, stellen materialisiertes, automatisiertes Steuerungswissen dar, das jederzeit abgerufen werden kann. Während der vom Menschen gesprochene und lesbare Logos das Seiende, worüber gesprochen wird, vergegenwärtigt, d.h. es in die Anwesenheit ruft, führt der binäre kybernetische Maschinencode Steuerungsprozesse automatisch im Verborgenen aus. Nur die Wirkung des Steuerungsprozesses wird hervorgebracht, d.h. vergegenwärtigt. Das technische Wissen, das hinter diesen Steuerungsprozessen steckt, kann 'vergessen' werden, da sie automatisch ablaufen. Damit wird einem Vergessen Vorschub geleistet, der über dasjenige hinausgeht, das Platon mit dem Theuth-Mythos im Phaidros im Auge hatte. Dort wird die Erfindung der Schrift von Thamus, dem Thebäer, mit dem Argument abgelehnt, dass sie "die Lernenden einem Vergessen in der Seele preisgeben wird durch eine Sorglosigkeit des Gedächtnisses, weil sie sich im Vertrauen auf die Schrift von außen her durch fremde Gepräge, nicht aber von innen her durch sich selbst wiedererinnern werden." (275a) Mit der Programm-Vor-Schrift eines digital Seienden wird sich nicht nur des Sichwiedererinnerns in einem selbständigen Durchgang durch die Sache selbst entledigt, sondern sogar ein sorgloses Lesen der Schrift erübrigt sich, da die Programm-Vor-Schrift als kybernetischer Maschinencode nur noch von der Rechenmaschine gelesen zu werden braucht, um ihre Wirkungen zu zeitigen. In diesem Fall ist der wahrhaft Wissende (ei/)dwn; 276a) der Programmierer, der die 'Logik' seines Programms aufgrund eines theoretischen Wissens nachzuvollziehen vermag. Solches Vergessen des im weitesten Sinn technischen Wissens sieht man heute überall etwa darin, dass man nicht mehr imstande ist, einfache arithmetische Operationen durchzuführen, sondern vielmehr zu einem Taschenrechner greifen muss, um dies zu bewerkstelligen. Im Rechner-Programm wird das technische Wissen selbst zu einem Vorhandenen bzw. Zuhandenen, d.h. es liegt dann vor als etwas, das abgerufen werden kann, und es ist ein Seiendes, das zu etwas gut ist (Seinsweise des Um-zu). Während der 'logische' bzw. logoshafte Abruf des Seienden dadurch geschieht, dass Sprache Seiendes in die Anwesenheit ruft, d.h. es vergegenwärtigt, ist dies mit dem digital auseinander genommenen Seienden anders, denn hier wird binärer Code, der ein technisches Wissen vom Seienden verkörpert, durch das elektromagnetische Medium abgerufen, d.h. ent fernt, um weiterverarbeitet, z.B. gelesen, zu werden oder um seine programmierten Wirkungen zu entfalten. In dem, was sie sind, bieten uns die digital Seienden einen Anblick an, genauso wie die platonischen Ideen, denn auch digital Seiendes ist Seiendes, d.h. vom Sein gezeichnet, umrissen. Dass digital Seiendes unsere eigene Konstruktion ist allein kraft des digitalen Entwurfs des Seins des Seienden, wodurch das technische Wissen im binären Code verkörpert wird, spielt auf dieser ersten, fundamentalen Ebene keine wesentliche Rolle. Man könnte höchstens sagen, dass für die Konstruktion von vielerlei digital Seienden natürlich Seiendes zum Vor-Bild dient, denn binärer Code stellt in irgendeiner Hinsicht ein technisches Wissen von der Welt dar. Das natürlich Seiende wird im Wissen durch die von ihm abgenommenen Zahlen und Sprache anders vergegenwärtigt als seine Anwesung von sich her für die aisthätische Wahrnehmung. Wenn zudem die in Zahlen und Sprache wissende Aneignung des Seienden, d.h. das arithmologische Wissen, in ein Rechnerprogramm eingeschrieben wird, dann wird das natürlich Seiende auch manipulierbar und zwar nicht lediglich durch technisch geschickte Menschenhand, sondern durch automatisch, von binärem Maschinencode gesteuerte Maschinen, wobei solche Maschinen auch unscheinbare Erscheinungsformen wie etwa biochemische Nanomaschinen annehmen können. Das arithmologische Wissen greift als kybernetische Programmierung 'schrift lich' in die Welt der Dinge ein. Nicht nur erlaubt das arithmologische Wissen ein technisch-produktives Manipulieren des Seienden, sondern die arithmologische Schrift als kybernetisches Programm setzt dieses arithmologische Wissen selbsttätig um. Solche automatischen kybernetischen Systeme stellen eine Zwittergestalt zwischen der fu/sij im Sinne von Seiendem, das den beherrschenden Ausgang seiner eigenen Bewegtheit in sich selbst trägt, und der von Menschenhand geführten Technik, bei der der beherrschende Ausgang der Bewegtheit in einem anderen Seienden (dem Produzenten) liegt, dar, denn diese automatischen Systeme haben etwas fu/sij-artiges an sich. Bei automatischen kybernetischen Systemen ist der beherrschende Ausgang der Bewegtheit wissend ins Seiende eingebaut worden, als wären diese Systeme selbst beseelt. Digital Seiende, sei es als vom Menschen lesbare Text-, Ton-, Bild-, Videodateien etc., sei es als ausführbare, kybernetische Programmschrift, sind im elektromagnetischen Medium gespeichert, wodurch sie sich auch frei bewegen können. Das elektromagnetische Medium ist das e)kmagei=on (Prägemasse) schlechthin für die Einprägung der binären Zahlenreihen. Dieses technisch hergestellte Medium ist kontinuierlich und omnipräsent, d.h. es lässt die digital Seienden überall, beliebig anwesen. Diese Beliebigkeit ermöglicht die Verfügbarkeit über das digital Seiende den Bestand des Gestells, der ständig zur Verfügung steht. Dieser neue Seinsentwurf ist nichts wesenhaft Neues, sondern gerade die Wesensfolge der Herauslösung des Logos und der Zahl aus den physisch Seienden, die bereits im ersten Anfang bei den Griechen, sprich: bei Aristoteles, bedacht wurde. Wenn das Gestell als die Sammlung aller Weisen des Stellens von Seiendem das Wesen der modernen Technik ausmacht, wonach alles Seiende als Bestand-Stücke auf der Stelle für die Her-Stellung zur Verfügung steht, dann entspricht das digital Seiende auf hervorragende Weise diesem Wesen, weil es von jeglichem natürlichen Ort und von jeglicher natürlichen Besonderheit losgelöst durch das elektromagnetische Medium beliebig abrufbar ist. Ist damit das Sein des digital Seienden aufgeklärt? Es gibt wohl noch einiges zur Herkunft des digital Seienden in einem ontologischen Sinn zu sagen, denn die traditionelle aristotelische und platonische Ontologie orientiert sich am lo/goj, bzw. am o)/n lego/menon, am Seienden, wie es vorliegt als dem Worüber eines Sagens. Hierin liegt bereits insofern ein Unterschied zur einer digitalen Ontologie, als diese in erster Linie die messbaren Zahlen am Seienden 'sieht'. Gleichwohl geht auch die traditionelle Ontologie von der Zusammengehörigkeit von o)/n, e(/n und ti\ (Seiendes, Eins und Etwas) aus, nur dass jetzt in der digitalen Ontologie das Einssein von jedem Etwas als der Ausgangspunkt für die digitale Auflösung des Seienden genommen wird. Überhaupt um es noch einmal zu betonen müssen wir uns klar darüber werden, dass mit dem Einbruch der digitalen Technik heute nichts Neues vorliegt, sondern etwas ganz Altes, das bereits im ersten griechischen, metaphysischen Anfang anfänglich entworfen wurde. Die Monaden (digital einheitlich Seiende) sind kalkulierbar (in Prozessoren) und so technisch eingebunden durch ein Wissen, das sich auf kybernetische Berechnung versteht. Was zwischen uns heute und Aristoteles liegt, um es verkürzt zu sagen, ist die ontologische Vermittlung eines Descartes. Welches Verhältnis besteht aber zwischen der digitalen Berechenbarkeit bzw. Darstellbarkeit des Seienden im Ganzen und dem mathematischen Entwurf des Seienden im Ganzen in der Neuzeit? Bedeutet die Digitalisierbarkeit des Seienden lediglich, dass ein im weitesten Sinn mathematisches, axiomatisches Seinsverständnis in einen digitalen Bitcode übersetzt werden kann bzw. übersetzt worden ist? Oder liegt ein Wesensunterschied zwischen jeweiligen Weltentwürfen vor? Es scheint mir, dass der neuzeitliche cartesische Seinsentwurf den Weg in die digitale Ontologie dadurch vorgebahnt hat, dass Descartes die "Regel" zur sicheren Erkenntnis durch Intuition und Deduktion (Regel 3), d.h. durch die nach Descartes einzig zuverlässigen wahrheitsfindenden Handlungen des Verstands, vorgeschrieben hat, dass alles am Seienden in die Form von Proportionen und Gleichungen zu bringen ist. Und nur das kann auf eine Gleichheit gebracht werden, "was ein Mehr oder Weniger zulässt, und dass alles dies unter dem Wort 'Größe' zusammengefasst wird" (Regel 14.4)(3). D.h. nur das ist, was entweder messbar oder zählbar ist. Und was mess bzw. zählbar ist, lässt sich auch digitalisieren. Diese ontologische Forderung der Messbarkeit geht über die aristotelische Ontologie insofern hinaus, als i) das natürlich Seiende als res extensa entworfen wird und damit ii) nicht lediglich eine (zählbare) Anzahl (a)riqmo/j) vom natürlich Seienden abgenommen wird, sondern eine (kontinuierliche, reelle) Zahl als Messung. Die neuzeitlich-mathematischen Theorien, mit denen das Seiende im Wissen erfasst wird, sind mathematisch im weitesten und vielfältigsten Sinn, und solche mathematischen Theorien lassen sich als digitale Rechnerprogramme der verschiedensten Art 'materialisieren', d.h. in binäre Programm-Vor-Schrift übersetzen und ins elektromagnetische Medium einprägen, wo sie dann selbsttätig ihre Steuerungswirkungen zeitigen können. Was passiert z.B., wenn eine Stimme aufgenommen wird? Ihre Schwingungen werden gemessen, d.h. auf Zahlen reduziert, indem die Zahlen von dem natürlich Seienden, genannt 'Stimme', herausgelöst, abgenommen werden. Diese Zahlen lassen sich speichern und dann unter Anwendung der geeigneten Programm-Vorschrift beliebig durch einen Prozessor berechnen, und man hört schließlich die Stimme durch irgendein Verstärker-Lautsprecher-System wieder, das die Messungen wieder in Wellen verwandelt, die in den Lautsprechern vibrieren. Die Zahlen werden vom fu/sei o)/n ((ai)/sqhton) abgenommen, und umgekehrt werden dann die Zahlen in ein ai)/sqhton (Ton, Bild, Text etc.) rückübersetzt. Und dieser technische Vorgang wird erst durch eine wissenschaftliche Theorie ermöglicht, die letztlich auf Gleichungen unter messbaren Quantitäten beruht. Das Hin und Her zwischen der digitalen und der aisthätischen Dimension steht ständig zur Verfügung, was notwendig ist, sofern die Schnittstelle Mensch-digitale Dimension, um der sinnlichen Verfassung des Menschen willen, aisthätisch sein muss. Die digital Seienden können aber auch selbst ohne diesen aisthätischen Umweg miteinander kybernetisch 'kommunizieren' aber gesteuert letztlich durch den Menschen (vermittels des lo/goj des Programms), sofern das Programm, d.h. die Vor-Schrift, zunächst aufgrund eines mathematischen, technisch-wissenschaftlichen Wissens geschrieben werden muss. Der technische lo/goj ist notwendig, um das Seiende so zu entbergen, dass es auf Zahlen reduziert werden kann (in Zahlen darstellbar ist), die beliebig rekonstituierbar sind, aber was dann faktisch passiert, sind elektromagnetische Messungen, Signale etc., die in Zahlen dargestellt und nach Zahlen generiert sind. Die herausgelösten, gespeicherten Zahlen steuern die Wiederherstellung, die Wiedervergegenwärtigung eines ai)/sqhton, eines sinnlich Wahrnehmbaren, oder aber sie steuern irgendein automatisches System wie z.B. die Verkehrsampeln auf einer Kreuzung oder etwa eine Kamera auf einer Kreuzung, die Rotlichtfahrer automatisch erfasst. 4. Räumlichkeit des elektromagnetischen MediumsDas elektromagnetische Medium ist wie das Papier für ein Buch auch eine Prägemasse. To\ e)kmagei=on ist die Masse, worin man etwas abdrückt, z.B. Wachs, Gips, und to\ e)kma/gma ist das Aus- oder Abgedruckte in Wachs, Gips, daher auch ein getreues Abbild, Ebenbild. Dieses Wort würde dem Lateinischen "in-formo" entsprechen, wobei hier die Form und nicht die Prägemasse zum Ausdruck kommt. Im philosophischen Gebrauch kommt das Ekmageion von Platon her von der berühmten Stelle in Timaios zur xw/ra (52b). Es geht um das Aufnehmende für alles Seiende, um die "Amme des Werdens" (52d), die selber "von allen Sichtbarkeiten (ei)dw=n) frei sein, [...] alle Herkünfte (ge/nh) in sich aufnehmen, empfangen soll." (50e). Platon behauptet, "dasjenige aber, das weder auf Erden noch irgendwo am Himmel sei, das sei nicht" (52b). Übersetzt heißt dies, dass jedes Seiende eines Mediums bedarf.Das elektromagnetische Medium ist wohl gerade ein a)nai/sqhton, das alle möglichen Prägungen aufnimmt und das wieder beliebig überschrieben werden kann. Die Prägungen sind aber digital, d.h. binärer Code, d.h. elektromagnetische Differenzen, die wir als 0 oder 1 verstehen und die in verschiedenen sinnlichen Weisen mit unterschiedlichem Inhalt und unterschiedlicher Funktion dargestellt werden können. Die bits sind unsichtbar in sich selbst, aber sie lassen sich durch die entsprechende Hardware und Software in ai)/sqhta verwandeln, die den menschlichen Sinnen zugänglich sind. Selbst weder Luft, Wasser, Erde noch Feuer kann das elektromagnetische e)kmagei=on Seiendes "erscheinen" (fai/nesqai 51b) lassen. In welchem Sinn aber kann man vom elektromagnetischen Medium als einem Raum sprechen? Das elektromagnetische Medium ist eine Prägemasse, die das digital Seiende aufzunehmen vermag. Das digital Seiende kann sich aber auch frei durch dieses Medium bewegen und Platz darin einnehmen. Insofern ist das elektromagnetische Medium wie die xw/ra ein Raum zum Aufnehmen von digital, d.h. arithmologisch, zergliederten Seienden. Damit verdient das elektromagnetische Medium als durchmessbare Dimension den Namen Cyberspace, den es nun genauer zu untersuchen gilt. Die Behandlung vom Raum in Heideggers Sein und Zeit kann uns dazu als Leitfaden dienen. Als räumliches In-der-Welt-sein ist das Dasein durch Ent-fernung und Ausrichtung charakterisiert (SZ:105). "Das Ent-fernen ist zunächst und zumeist umsichtige Näherung, in die Nähe bringen als beschaffen, bereitstellen, zur Hand haben. Aber auch bestimmte Arten des rein erkennenden Entdeckens von Seiendem haben den Charakter der Näherung. Im Dasein liegt eine wesenhafte Tendenz auf Nähe." (SZ:105) Und in einer Randbemerkung aus Heideggers Handexemplar heißt es auf der gleichen Seite: "Nähe und Anwesenheit, nicht die Größe d. Abstands ist wesentl." (ebd.) Die Ent-fernung ist somit ein In-die-Anwesenheit-bringen. "Dasein ist wesenhaft ent-fernend, es lässt als das Seiende, das es ist, je Seiendes in die Nähe bringen." (ebd.) Das zweite Existenzial, das die Räumlichkeit des Daseins charakterisiert, d.h. die Ausrichtung, wird so umschrieben: "Jede Näherung hat vorweg schon eine Richtung in eine Gegend aufgenommen, aus der her das Ent-fernte sich nähert, um so hinsichtlich seines Platzes vorfindlich zu werden. Das umsichtige Besorgen ist ausrichtendes Ent-fernen. In diesem Besorgen, das heißt im In-der-Welt-sein des Daseins selbst, ist der Bedarf von 'Zeichen' vorgegeben; dieses Zeug übernimmt die ausdrückliche und leicht handliche Angabe von Richtungen. Es hält die umsichtig gebrauchten Gegenden ausdrücklich offen, das jeweilige Wohin des Hingehörens, Hingehens, Hinbringens, Herholens." (SZ:108) Im Hinblick auf ein elektromagnetisches Medium wie ein Netzwerk wird die Rolle des richtungsgebenden "Zeichens" in der elektromagnetischen "Gegend" von den (letztendlich: numerischen) Netz-Adressen übernommen, die nur möglich sind, weil das Dasein wesenhaft ent-fernend und ausrichtend ist. Das wesenhafte Ent-fernen und die Ausgerichtetheit des Daseins heißt, dass es 'immer schon' von seinem leibhaftigen Aufenthaltsort weg ist und dass das Dasein als ausgerichtet-ent-fernend immer schon zu fernen Orten hin räumlich erstreckt ist, und dass dies die Bedingung der Möglichkeit dafür ist, dass es auch faktisch (leibhaftig, oder medial durch Rede, Schrift, Stimme, Bild) dort sein kann. Leibhaftig ent-fernen wir durch Zugreifen, Hinblicken, Hingehen usw. Das Hören einer Rede aber ent-fernt durch die Vergegenwärtigung der Rede auch das Zuhandene oder das, womit wir in der Welt zu tun haben. Heidegger bringt sogar das Beispiel des elektromagnetischen Mediums Rundfunk: "Alle Arten der Steigerung der Geschwindigkeit, die wir heute mehr oder minder gezwungen mitmachen, drängen auf Überwindung der Entferntheit [im Unterschied zur Entfernung; ME]. Mit dem 'Rundfunk' zum Beispiel vollzieht das Dasein heute eine in ihrem Daseinssinn noch nicht übersehbare Ent-fernung der 'Welt' auf dem Wege einer Erweiterung und Zerstörung der alltäglichen Umwelt." (SZ:105) Diese Stelle gibt einen wichtigen Wink für das Durchdenken der Multimedia in ihrem Räumlichsein, zumal sie die Frage nach dem "Daseinssinn" der elektromagnetischen Medien auch im Allgemeinen aufwirft, denn es macht keinen Unterschied in diesem Zusammenhang, ob vom Radio, Fernsehen oder Internet die Rede ist. Die "alltägliche Umwelt" wird durch die Fernmedien sowohl erweitert als auch zerstört, also gibt es keine Änderung bzw. Erweiterung der Alltagswelt ohne Verlust, was aber nicht zu kulturkritischen oder technikfeindlichen Bekundungen verleiten soll. Das Hören eines Berichts im Radio ist eine Ent-fernung der Gegend selbst, aus der der Bericht kommt. Die Medien lassen andere Weltgegenden dort durch Ent-fernung eben hier anwesen. Auch später mit dem Beispiel des "Hörers am Telefon" kommt die "Unauffälligkeit des zunächst Zuhandenen" (SZ:107) ins Spiel. Das Dasein ist immer schon über das, was ihm physisch-abstandsmäßig nah ist, hinweg. Der Bekannte, mit dem ich mich am Telefon unterhalte, ist mir näher als der Telefonhörer, den ich physisch-leibhaftig in der Hand und am Ohr halte. Dementsprechend auch mit dem Internet: die ganze Hardware und Software, die als Medium verwendet wird, ist "unauffällig", weg, ermöglicht aber durch elektromagnetische Ent-fernung die Begegnung mit Seiendem und Mitseiendem, das dann dem Dasein nah, gegenwärtig ist. Die Ent-fernung von Gegenden hat jedoch unterschiedliche Weisen, z.B. ist es ein Unterschied, einen live Bericht aus Moskau im Internet oder Fernsehen zu sehen/hören, oder darüber in der Zeitung zu lesen, oder aber über Moskau in Tolstois Krieg und Frieden zu lesen. Das sind verschiedene Weisen der Vergegenwärtigung der Stadt Moskau. Live-Berichten im Fernsehen wird ein Vorrang nur insofern zuerkannt, als sie sich vom Sinn des Seins als Anwesenheit im Jetzt (Gleichzeitigkeit) und dem Vorrang des Gesichtssinns speisen. Die 'unmittelbare', 'gleichzeitige' Anwesenheit eines live Fernsehberichts ist aber hoch vermittelt (durch das elektromagnetische Medium)! Das Medium ist jedoch unauffällig und hauptsächlich sogar ein a)nai/sqhton, es sei denn, dass eine Störung, z.B. ein Flackern des Bildes, vorliegt, wodurch das Medium selbst die Aufmerksamkeit auf sich zieht. Wenn man etwa auf der Straße das Medium zum Gehen läuft, "schiebt sie sich gleichsam an bestimmten Leibteilen, den Fußsohlen, entlang." (SZ:107), d.h. dieses Medium ist immerhin leibhaftig erfahrbar, während die Bewegung im Internet lediglich durch Klicken mit dem Zeigegerät leibhaftig erfahrbar ist. Dies ist eine Ent-fernung ohne Bewegung oder: man bewegt sich durch den Cyberspace mit minimaler Leibbeteiligung. Die Ent-fernung des Daseins hängt nicht von der physisch-leibhaftigen Bewegung ab, sondern kann sich auch ohne Leibbeteiligung vollziehen. "Die Räumlichkeit des Daseins wird daher nicht bestimmt durch Angabe der Stelle, an der ein Körperding vorhanden ist." (SZ:107) Anders gesagt: die Räumlichkeit des Internet ist eine echte daseinsmäßige Räumlichkeit und nicht bloß virtuell. Das Dasein orientiert sich in diesem Raum und vermag digital Seiendes durch den Raum gezielt zu ent-fernen. Mehr noch: das Internet ist nur möglich, weil das Dasein vorgängig räumlich ist. Wenn die digitale Technik so weit käme, den Leib selbst in elektromagnetische Wellen auflösen (und nicht lediglich Messungen am Leib abzunehmen, d.h. Zahlen vom Leib herauszulösen) und beliebig wieder konstituieren zu können, dann gäbe es insofern überhaupt keine leibliche Raumerfahrung mehr, aber durchaus noch eine daseinsmäßige. Dann fiele auch die Fingerbewegung des Klickens am im elektromagnetischen Medium orientierenden und ent-fernenden Zeigegerät weg! Die Geschichte der technischen Überwindung der Entferntheiten ist zugleich eine Geschichte der Glatt bzw. Ruhigstellung der leibhaftigen Raumerfahrung. Selbst mit dem Übergang vom Pferd zum Automobil wurde die leibhaftige Raumerfahrung durch Ent-fernung zurückgebildet, denn es ist ein Unterschied, ob man auf einem Pferd reitet oder aber in einer motorisierten Limousine bequem sitzend durch die Gegend gleitet. Im Internet ist die räumliche Orientierung (Ausgerichtetheit) durch URL (=DNS = eine Zahl) und Verweisschilder (mit links bzw. Verknüpfungen) gegeben. Die Ent-fernung wird durch das Klicken eines Zeigegeräts vollbracht. Das Zeigegerät zeigt auf das, was es zu ent-fernen gilt. Insofern ist der Cyberspace ein sehr einfältiger Raum, aber immerhin ein Raum, dem die beiden in Sein und Zeit genannten wesentlichen Existenzialien der Ausrichtung und der Ent-fernung zugesprochen werden müssen. In Sein und Zeit ist die Platzzugehörigkeit des Zeugs durch die Bewandtnisganzheit, d.h. den verstandenen Zusammenhang, in dem die verschiedenen nützlichen Dinge zueinander stehen, gegeben. Das Zeug muss am richtigen Ort sein, damit es zuhanden ist und in Gebrauch genommen werden kann. Jedes Zeug gehört also irgendwohin an seinen Platz. Das ist ganz verschieden von der Weise, wie Aristoteles die Ortshingehörigkeit des natürlich Seienden denkt. Wir hören auch nicht in der Weise des besorgenden Seins-zu... auf zu sein, wenn wir im digitalen Medium die Dinge anders ent-fernen. Wenn wir etwa ein digital Seiendes abrufen, das dann auf dem Bildschirm flackert und uns sehr nah oder sehr fern 'vorkommen' kann, ist dieses Vorkommen nicht bloß virtuell oder gar subjektiv, sondern: "In solchem 'Vorkommen' aber ist die jeweilige Welt erst eigentlich zuhanden." (SZ:106 H.i.O.) Das heißt, dass das digital Seiende und die elektromagnetischen Medien auch vom In-der-Welt-sein und nicht bloß vom Blickpunkt des arithmologischen Seinsentwurfs ausgelegt werden können. Dies bedeutet unter anderem auch, dass das elektromagnetische Medium eine Weise des Mitseins des Daseins darstellt, d.h. dass wir im Netz mit den Anderen sind mit all den existenzialen Möglichkeiten dieses Mitseins. Insofern ist es abwegig, von einem bloß virtuellen Mitsein im Netz zu reden, denn das Mitsein heißt fundamental ein Teilen der Wahrheit des Seins durch Dasein und Dasein und nicht ein bloß räumlich-leibhaftes Nebeneinander an einem Fleck. Heidegger schreibt, dass wir nach Platon zwei Möglichkeiten haben, uns Seiendes anzueignen, nämlich im lo/goj oder aber in der pra=cij (GA19:274). Beim le/gein wird der Gegenstand nicht verändert, ou)de\n dhmiourgei=. Er wird auch nicht an einen anderen Ort (z.B. ins Bewusstsein) transponiert, sondern er bleibt, "wo er ist" (GA19:276). Während der to/poj zum natürlich Seienden, fu/sei o)/nta, gehört, trennt Aristoteles davon die geometrischen und arithmetischen Gegenstände, also den Punkt (stigmh/), der ortlos (a)/topoj) ist, und die Einheit (mona/j), die sowohl ortlos als auch positionslos (a)/qetoj) ist. Alle drei (lo/goj, stigmh/, a)riqmo/j) sind Weisen des xwri/zein; es wird vom natürlich Seienden etwas abgenommen. Die Worte, die über ein Seiendes gesagt werden, sind wie die geometrische Auflösung eines sinnlichen Gegenstandes oder das arithmetische Erfassen eines Seienden, sie eignen sich das Seiende in seiner Entborgenheit an und lösen sich von ihm. Auch wenn das le/gein mit dem Seienden, worüber es spricht, nicht hantiert, ist es "eine Weise des Zueignens des Seienden in dem, wie es aussieht". (GA19:276) Wie bereits angeführt: "Zugeeignet wird im Erkennen und Sprechen die Wahrheit des Seienden, seine Unverborgenheit." (ebd. H.i.O.) Auch bei den lo/goi gibt es ein Nacheinander von Silben und Wörtern, die ähnlich den Zahlen ortlos und positionslos sind. Sowohl das Wort als auch die Zahl sind diskret und deshalb onto-logisch einfacher und ursprünglicher als die kontinuierlichen geometrischen Figuren, die ontologisch komplexer sind, wie wir bereits festgestellt haben (s. 2. Zahl und Sein). Der onto-logische Zugang zum Sein des Seienden ist auch eine diskrete, herauslösende Aneignung des Seienden in seinem Sein. Wegen der ontologisch gleichursprünglichen Primitivität von Logos und Zahl gibt es die metaphysische Identität von o)/n und e(/n: jedes Seiende ist ein Seiendes es gibt eine Einheitlichkeit von jedem Seienden, d.h. eine diskrete, abgetrennte Selbständigkeit, im Logos. Nur deshalb gelingt es dem Logos, sich das Seiende in der Sprache auf diskrete Weise anzueignen. Welcher Art aber ist das Aufdecken (a)lhqeu/ein) durch den zu- und absprechenden Logos? Für Aristoteles bleibt der lo/goj a)pofantiko/j an die ai/)sqhsij sowie an die fantasi/a zurückgebunden, d.h. durch die Rückkehr der trennenden Abstraktion zu den sinnlich wahrnehmbaren Dingen, so wie sie uns erscheinen. Um zurückkehren zu können, muss man zunächst weggehen, d.h. abtrennen, abstrahieren. Bei Aristoteles gibt es das xwri/zein im lo/goj a)pofantiko/j genauso wie bei Platon mit seiner so genannten 'Ideenlehre'. Der Unterschied besteht darin, dass Platon die herausgetrennten Ideen verselbständigt und damit die Rückbindung an das sinnlich gegebene Seiende als eine Abstufung denkt. Wie verhält es sich aber, wenn das Seiende durch aufdeckende Sprache und Zahlen angeeignet wird und dieses Angeeignete dann in ein digital Seiendes wiederum verwandelt wird, entweder als bloße Information über das angeeignete Seiende oder aber als ausführbaren binären Code, der selbst Steuerungswirkungen hervorbringt? Solche digital Seienden können ins elektromagnetische Medium, etwa in ein Netz, eingeprägt werden. Ist nun die globale Vernetzung selbst als ein genuin geometrisches oder aber als ein arithmetisches Gebilde zu denken? Was wir ins Netz tun, sind digital Seiende, d.h. Seiende, die aus digitalem Code bestehen und auf der Grundlage eines Wissens um den Umgang mit digitalem Code hergestellt worden sind, so dass die digital Seienden sich so verhalten, wie vorausberechnet wird. Digitaler Code ist nichts als geordnete Zahlen, die so oder so in Rechnerprozessoren als ausführbare Befehle berechnet werden können. Hat das elektromagnetische Medium als globales Netz einen geometrischen (qeto/j) oder aber einen rein arithmetischen (a/)qetoj) Charakter? Wenn man sich das Netz als Punkte, die durch Linien verbunden oder nicht verbunden sind, vor- bzw. darstellt, dann hat es einen geometrischen Charakter, was in der Mathematik als 'graph' bezeichnet wird. Graph theory ist heutzutage ein eigenständiger Bereich der Mathematik. Aber kommt es auf den spezifisch geometrischen Charakter des Netzes an, oder können die Punkte und Linien eines (globalen) Netzes rein arithmetisch bzw. numerisch dargestellt werden? Es scheint mir, dass dies tatsächlich der Fall ist, da wir überhaupt nicht darauf angewiesen sind, uns das elektromagnetische Netz geometrisch bzw. aisthätisch vorzustellen, sondern wir können uns damit begnügen, das Netz mit seinen Verbindungen durch Zahlenkoordinaten (Vektoren) darzustellen wie z.B. (n1, n2, n3, .... , nk), d.h. man braucht nur die Zahlen und eine Ordnung derselben sowie eine Mathematik (einen Kalkül, calculus), um mit diesen Zahlen-Entitäten rechnen zu können. Lässt sich das Netz als eine Art Matrixkalkül darstellen? In der Tat! Das elektromagnetische Medium ist als Matrix darstellbar, wo die Matrix = Mutter = Platons "Amme des Werdens" in digitaler Gestalt wäre! Die so genannte analytische Geometrie, die von Descartes entwickelt wurde (wir reden heute noch von cartesischen Koordinaten), basiert darauf, dass alle geometrischen Gegenstände in (ein Kalkül mit) Zahlen aufgelöst werden können, wenn die Zahlen die Form von Koordinaten annehmen. Koordinaten sind aber nur geordnete Zahlen, mit denen in einem Matrixkalkül gerechnet werden kann. Was vom gesetzten Charakter der geometrischen Figuren übrig bleibt, ist die unerlässliche Ordnung der Koordinatenzahlen, z.B. der Punkt (2, 5, 5) ist ein anderer Punkt als (5, 2, 5), obwohl die gleichen Zahlen in beiden Koordinaten vorkommen. Die Aufgabe der Mathematik besteht darin, mit diesen Koordinaten unter Respektierung der Ordnung der darin enthaltenen Zahlen zu rechnen. Dieses Problem ist von der Mathematik schon längst gelöst. Nur deshalb können beliebige geometrische Figuren in n-Dimensionen in Computern dargestellt werden, denn Computer rechnen nur, sie können mit geometrischen Figuren als solchen nicht umgehen, weil sie (die Computer) nicht aisthätisch, sondern vielmehr rechnend sind (in ihrer Seinsweise). Wenn das so ist, ist das elektromagnetische Netz ortlos und auch nur insofern gesetzt, als die Koordinatenzahlen eine Ordnung (ta/cij) bewahren. Es ist kein genuines geometrisches Gebilde, oder vielmehr: alle geometrischen Gebilde lassen sich arithmetisch darstellen und werden so durch Rechenmaschinen darstellbar bzw. manipulierbar. Wenn diese Gedanken schlüssig sind, dann lässt sich das globale elektromagnetische Netz selbst als ein mathematisches, d.h. digitales Gebilde darstellen, das demgemäß auch mathematisch-rechnerisch beherrscht werden kann. Die technisch konstruierte Welt des Cyberspace wäre demnach ein mathematisch erfassbarer Raum, in dem durch mathematisches Wissen angeeignete Seiende zirkulieren, und den das Dasein als eine selbständige räumliche Dimension erfährt, in der es sich zu orientieren und auch digital Seiendes zu ent-fernen vermag, die aber auch Schnittstellen mit dem umgebenden natürlich-physischen Raum der Welt unterhält. Es ist hier noch die Frage, inwiefern in einer digitalen Ontologie anders als Aristoteles und auch anders als Platon vom Sein des Seienden gedacht wird. Denn eine digitale Ontologie blickt auf das Seiende weder von einem übersinnlichen Topos noch von der fu/sij, sondern letztlich vom Mathematischen her, von wo aus dann auch die natürlich Seienden, nur sofern sie messbar sind, erscheinen und dadurch digital auseinander genommen werden können. In der Alltagswelt kann es dann durchaus so kommen, dass die digital Seienden einen Vorrang gegenüber dem sinnlich wahrnehmbaren, 'analogen' Seienden erringen, was so viel bedeutet wie, dass der Umgang mit der medialen Dimension des elektromagnetischen Mediums die Oberhand gegenüber anderen Existenzmöglichkeiten gewinnt. Z.B. könnte die Praxis, digital verbreitete Meldungen zu lesen, die Oberhand gewinnen gegenüber Meldungen, die lediglich auf Papier gedruckt und in Umlauf gebracht werden. Die Lektüre von auf Papier gedruckten Zeitungen (newspapers im buchstäblichen Sinne) könnte dadurch aussterben, da in der digitalen Welt die Botschaften und Nachrichten nur noch in digitaler Form zirkulieren. Oder digitale Produkte wie Computerspiele können Jugendliche für das, was außerhalb der digitalen Dimension stattfindet, völlig unempfänglich machen. Sie gehen dann lebensweltlich in der digitalen Dimension auf. Wenn aber durch die digitale Ontologie eingesehen wird, dass das digital Seiende immer noch ein von der sinnlich erfahrbaren Welt Abstrahiertes darstellt, dann erscheinen die digital Seienden als die Konstrukte, wie sie in Wahrheit, d.h. in ihrer vollkommenen seinsmäßigen Aufgedecktheit, sind. Denn der Mensch bleibt trotz aller digitaler Technik ein leiblich-sterbliches Wesen, das die Welt mit ihrem Staub, Schmutz, Blut, Schweiß, Wein, Fleisch, Licht, ihren Düften und Farben usw. sinnlich erfährt und auch mal leibhaftig auf den Tisch schlagen, durch den Wald spazieren gehen kann etc. Und selbst das digital Seiende muss der Leiblichkeit des Daseins Rechnung tragen, z.B. dass Meldungen und Bilder mit den leiblichen Augen müssen gelesen und ein Computer oder ein Mobiltelefon mit den Händen muss bedient werden können. Trotz allen die Berechnung ermöglichenden Abstrahierens kommt die digitale Technik auf die Menschen als leiblich-sinnliche Wesen und das sinnlich Erfahrbare zurück. Die Frage ist nun, ob all diese sinnlich-leiblichen Aspekte in ihrem Sein nur dann als seiend zugelassen werden, wenn sie sich von der Digitalisierung her erschließen lassen. Die digitale Ontologie erhebt, wie jeder andere Seinsentwurf, einen Totalitätsanspruch, der aber nicht lediglich mit dem Hinweis auf ontische Begebenheiten (Staub, Düfte, Spazierengehen usw.) relativiert werden kann. Meines Erachtens ist eine solche Relativierung nur dadurch möglich, dass der 'Anruf' anderer Seinsentwürfe wieder-holt und wach gehalten wird, so dass die unterschiedlichen Seinsentwürfe in ihrer Differenz auch wissentlich, d.h. mit Wissen, gesehen werden können. Der dadurch entstandene Wettstreit der Seinsentwürfe lässt die gigantomaxi/a peri\ th=j ou)si/aj (Platon), die Seinsfrage also, als was das Seiende als solches in seiner Wahrheit erscheint, wieder offen. Wenn wir etwa alles als Materie oder als Geist oder als Leben etc. erschließen, besteht gerade die Arbeit des Denkens darin, diese Seinsentwürfe als solche zu thematisieren. Dies führt letztlich zu der von Heidegger gestellten Frage nach dem 'Ort', wo die Seinsfrage sich stellt, zum 'Da-sein' also, sowie zu der Einsicht, dass das Dasein grundsätzlich der Überzeichnung des Seins als Entwurf des Seienden im Ganzen offen ist. Die 'ontischen Begebenheiten' also, auf die oben hingewiesen wurde und die nicht so recht in den digitalen Weltentwurf passen, dienen nur als Hinweis darauf, dass die Frage nach dem, wer wir sind, grundlegender gestellt werden muss, als wie sie implizit durch den digitalen Weltentwurf beantwortet wird, der den Menschen nur von den Möglichkeiten der digitalen Technik bis hin zur Biotechnologie mit ihrem genetischen Code und ihrem genetischen Verständnis des 'Lebens' her zu fassen, d.h.. zu sehen, vermag. Kehren wir nun zur Frage nach der Räumlichkeit des Daseins im Hinblick auf das globale elektromagnetische Medium zurück. Grundlegend ist das Dort-sein-können des Daseins bei Seienden als solchen in der Ferne. Nur weil das Dasein immer schon dort ist, vermag es das dort befindliche Seiende eventuell auch auf verschiedene Weisen zu ent-fernen, indem es etwa entweder dahin geht oder das dort befindliche Seiende an sich bringt d.h. zu sich herbringen lässt. Bogen und Pfeil ist eine physische Art oder ein Mittel aber kein Medium des Ent-fernens etwa eines Vogels. Eine Nachricht lesen über eine ferne Stadt ist eine andere Weise des Ent-fernens bzw. des An-sich-bringens durch die Aneignung im lo/goj. Das Dasein nimmt an der Offenheit des Seins teil, in der das Seiende sich als solches zeigt. Diese Offenheit des Seins ist räumlich (wie auch zeitlich). In-der-Welt-sein heißt auch Räumlich-in-der-Welt-sein, und dieses Räumlichsein des Daseins bildet die Bedingung der Möglichkeit dafür, dass das Dasein irgendein Seiendes als solches zu ent-fernen vermag. Das Ent-fernen ist eine grundsätzliche, nämlich die räumliche Art, wie das Dasein sich zu Seiendem als solchem verhält. Das 'als solche' ist in diesem Zusammenhang wesentlich, weil andere Lebewesen etwa sich nicht zu Seiendem als solchem verhalten, auch wenn sie offenbar an einer irgendwie gearteten Offenheit teilnehmen. Das leibhaftige Ent-fernen des Daseins durch Zugreifen, Anpacken, Hingehen etc. ist nur eine Weise des Ent-fernens. Die Aneignung des Seienden durch den lo/goj, d.h. durch das Reden darüber, ist eine andere, sofern Seiendes in der Ferne in die Nähe gebracht, d.h. vergegenwärtigt, werden kann. Solches 'logos-hafte' Ent-fernen, und d.h. hier: solche Vergegenwärtigung, findet z.B. durch Briefe und Zeitungen statt. Hier ist das auf Papier geschriebene Wort das Medium, in dem das Ent-fernen stattfindet. Der Logos bzw. die Sprache löst sich vom Seienden, worüber er bzw. sie spricht, heraus und verselbständigt sich gegenüber dem physisch gegebenen, leibhaft erfahrbaren Seienden. Ein Medium ist grundsätzlich eine Dimension, wodurch Seiendes (hier: geschriebene oder gedruckte Worte auf Papier) sich bewegen kann. Worte ermöglichen eine andere Weise des Bei-seins bei dem Seienden als die leibhafte Präsenz bei Seiendem. Was als eine Technisierung des Ent-fernens bezeichnet werden kann, ist die Stelle, wo die te/xnh hinsichtlich der Räumlichkeit zum Zug kommt. Die te/xnh beruht immer auf einer Weise des Entbergens des Seienden und deshalb auch auf einem zumeist unausdrücklichen und damit als solchem vergessenen Seinsverständnis. Sie ist immer ein Wissen, das ein Wissen-wie ermöglicht und in technische Geräte umgesetzt werden kann und muss. Insbesondere werden die verschiedenen Medien wie Papier, das gedruckte Wort etc. durch das technische Wissen etwa der Drucktechnik ermöglicht. Das digitale elektromagnetische Medium ist die höchste Vollendung aller technischen Medien, sofern es das Seiende an beliebigen fernen Orten nicht nur durch den Logos aneignet bzw. den Logos vom Seienden herauslöst, sondern durch die Zahl aneignet, was eine Weiterberechnung dann auch ermöglicht. Das dort befindliche Seiende findet durch Berechnung eine digitale (d.h. im Grunde arithmetische) Darstellung sei es im Wort, Ton, Bild, Video , die dann beliebig durch das elektromagnetische Medium geschickt werden kann. So kommt es zum digital-elektromagnetischen Ent-fernen, was natürlich das Wissen der digitalen Technik sowie den mathematischen Entwurf des Seienden im Ganzen voraussetzt. D.h. dem technischen Wissen vorgängig 'vorgelagert' ist das (zumeist: implizite) ontologische Verständnis der arithmologischen Auflösung bzw. Aneignung des Seienden, das von Aristoteles über Descartes zu uns kommt. Es gibt also zwei Schritte: erstens die digital-berechnende Aneignung des Seienden, wodurch es eine rein zahlenmäßige Darstellung im digitalen Code erhält, und zweitens das digitale Medium, das das digital Seiende als seine eigene Dimension durchmessen kann. Weil das digitale Ent-fernen durch das elektromagnetische Medium ohne leibhafte Erfahrung des Raums geschieht, ist diese Art von räumlicher Erfahrung etwas geisterhaft. Das Dasein geistert leiblos durch das elektromagnetische Medium, ohne leibhaft den Ort verlassen zu müssen. Das bedeutet gewissermaßen einen Kollaps aller Orte in einen Ort, der insofern die Möglichkeit von Ferne zerstört. Aber das war schon immer der Fall mit der Technik sie zerstört eine alte Welt, indem sie eine neue eröffnet. Das Besondere am digitalen, elektromagnetischen Medium ist, dass es ein mathematischer Raum ist, der sich zahlenmäßig darstellen lässt. Da die Zahlen jedoch sowohl ortlos sowie nicht gesetzt bzw. ohne Position sind, ist die Bewegung des Daseins im Cyberspace auf ein Zahlenspiel reduziert, auch wenn die Benutzeroberfläche sich dem Dasein in sinnlicher Form, etwa mit Graphiken etc. darbietet. Die Schnittstelle zum Dasein muss sich an die sinnlich-leibhaften Gegebenheiten des Daseins anpassen, was aber nur ein Schein ist. Hinter der Schnittstelle befindet sich lediglich eine zahlenmäßige Darstellung des gezeigten Seienden sowie des Netzwerks, das physisch über den ganzen Erdball gespannt ist, ohne dass diese geographische Verteilung als solche sinnlich wahrnehmbar wäre, und ohne dass der Benutzer etwas vom digitalen Code verstehen müsste. Trotzdem weiß das Dasein, dass es Seiendes aus aller Welt ent-fernt und sich insofern aneignet. Zu den genannten beiden Schritten kommt noch ein dritter hinzu, der aber wohl weit über jene hinausgeht. Dieser dritte Schritt ist wie bereits ausgeführt die kybernetische Weiterberechnung des in digitaler Form angeeigneten Seienden in Rechenmaschinen aller Art (z.B. PCs, Bewegungsmelder, Roboter, implantierte Chips). D.h. es bleibt nicht dabei, dass das erfasste Seiende lediglich etwa als Sprach- oder Bildinformation präsentiert wird was allerdings auch eine bestimmte Weiterberechnung des digital erfassten Seienden voraussetzt , sondern die gewonnenen Messdaten werden in einem digitalen Programm (das immer ein bestimmtes festgelegtes Vorverständnis der Daten darstellt) auf eine Weise weiterverarbeitet, die Steuerungsfunktionen in einem kybernetischen System auslöst. Z.B. werden durch Telematikdienste numerische Daten über den Verkehrsfluss auf verschiedenen Straßen durch elektronische Melder automatisch gesammelt und so verarbeitet und berechnet, dass dem Fahrer eines Automobils auf seinem Navigationssystem die graphische Darstellung einer staufreien Route per Bildschirm dargeboten werden kann. An diesem Beispiel ist zu sehen, wie die Räumlichkeit des digital-kybernetischen Netzes und die Räumlichkeit des leibhaften In-der-Welt-seins ineinander greifen und zusammenspielen. Das elektromagnetische Medium ist, wie bereits gesagt, von der Art des e)kmagei=on. Es ist vielleicht nicht uninteressant, dass wir uns während des Träumens in einem Medium befinden, in dem einige der merkwürdigen Eigenschaften des Cyberspace vorkommen so z.B. die unmittelbare, 'instantane' Beziehung auf räumlich Entferntes. Diese merkwürdigen Eigenschaften haben etwas mit unserer Leiblichkeit zu tun, denn normalerweise im Wachzustand bewegen wir uns leibhaftig durch den Raum, unser Körper ist daran beteiligt und vollzieht die Bewegungen durch den Raum mit. Dieser leibhaftige Mitvollzug fällt aber im Cyberspace wie auch beim Träumen weg. Der Cyberspace hat zwar eine genuine Räumlichkeit, in der wir uns orientieren und Seiendes ent-fernen (vgl. Sein und Zeit wie oben dargelegt) können, aber in diesem Raum bewegen wir uns leiblich durch bloßes Klicken mit dem Finger und erfahren keine leibhaftige Anwesenheit des Abgerufenen. Selbst das leibliche Klicken könnte dadurch wegfallen, dass die Signale vom Gehirn direkt zum Computer übertragen würden, was z.B. bei Schwerbehinderten heute z.T. schon der Fall ist. Da reicht bereits die Bewegung eines Augenlids oder sogar die bloße Gehirntätigkeit, um sich durch den Cyberspace zu steuern. Die Parallelen zum Träumen sind also ausgeprägt. Im Bett liegend fliegen wir zu beliebigen Orten und ent-fernen uns alles in der Welt, ohne einen Gang durch die Zeit oder durch den physischen Raum machen zu müssen was wir auch im Internet machen können, solange keine technische Störung im Netz vorliegt. Die Bewegung bzw. das Ent-fernen durch das elektromagnetische Netz ist unheimlich und banal zugleich. Unheimlich, weil ein Raum sich auftut, in dem wir uns nicht leibhaftig bewegen und banal, weil wir uns so selbstverständlich in diesem Raum bewegen, ohne eigentlich, d.h. ontologisch, zu wissen, in was für einer Dimension wir uns bewegen. Das wahrhaft Merkwürdige an der digitalen Technik ist, dass sie sich nicht nur die Welt in ihrer Wahrheit wissend aneignet wie der lo/goj, sondern durch die Aneignung selbst ein weiteres, 'vorprogrammiertes' digital Seiendes hervorbringt, z.B. durch das Netz empfangene Daten werden automatisch farbig in einer Graphik dargestellt. Der aneignende lo/goj ist im Programm 'verkörpert', das die Daten (den binären Code) vom Seienden empfängt, und ist so in der Lage, diese Gegebenheiten weiter zu verarbeiten. Das ist im Allgemeinen die Grundlage der kybernetischen Technik, dass der Zustand des Systems den nachfolgenden Zustand dadurch automatisch steuert, dass die vorprogrammierte Auslegung der Daten auch noch eine weitere Funktion auslöst. Das Computerprogramm nämlich jetzt in einem weiten Sinn verstanden als Vor-Schrift für die Verarbeitung von binären Daten im Mikroprozessor irgendeines Geräts ist ein Niederschlag des wissenden mathematischen lo/goj, der die eingespeisten Daten automatisch berechnet, und d.h. auch vorgängig ausgelegt hat. Die Interpretation der Welt findet dann faktisch in der auslegenden Verarbeitung des von der Welt Gegebenen (Daten) statt und liegt bereits latent in der Vor-Schrift des Programms selbst vor. Ein Computerprogramm ist so gesehen eine von uns niedergeschriebene Vor-Deutung (eines beschränkten Ausschnitts) der Welt, die jederzeit empfangsbereit ist, um die Welt anhand eingespeister Daten berechnend in eine bestimmte vorgegebene Richtung auszulegen und auf Grund dieser Auslegung, irgendein System zu steuern. Das Dasein, dem sich die Welt im Verstehen erschließt, kann heute seine Auslegung der ontisch verstandenen Welt ausschnittsweise in binär programmierte Vordeutungen der Welt auf einer Rechenmaschine auslagern, wobei das Weltverständnis selbst bereits mit einer digitalen Auflösung kompatibel sein muss. Solches Weltverständnis ist auf die Einrichtung und Beherrschung des Seienden im Ganzen ausgerichtet. Um eine ältere metaphysische Sprache zu benutzen, könnte man von einer digitalen Auslagerung des Geists oder von einem outsourcing des nou=j in Rechenmaschinen sprechen. Die Computerprogramme schreiben etwa auf der Festplatte eines Netzservers das Verstehen von Welt ein und machen die Auslegung dieses Verstehens vom Prozessor bearbeitbar bzw. berechenbar. Die digitale Erfassung des Seienden im Ganzen geht also über die mechanische Technik, die noch auf die physische Bewegung orientiert ist, qualitativ hinaus in die Dimension der Steuerung von Systemen, was auch die Steuerung von physischen Bewegungen mit einschließen kann, aber viel weiter zu fassen ist. Außerdem lässt sich einmal in binärem Code erfasstes technisches Wissen ohne weiteres beliebig im elektromagnetischen Medium re-produzieren. Auch wenn die Hardware, die benötigt wird, um ein elektromagnetisches Netz herzustellen, eine eigene physische, sichtbare, tastbare usw. Gestalt besitzt, ist das elektromagnetische Medium gegenüber dem digital Seienden selbst und dem Umgang mit digital Seiendem im Netz doch völlig formlos, d.h. ohne digitale Differenz, und deshalb unendlich aufnahmebereit. Nur wenn man von außen, d.h. von der physisch-leibhaften Welt, auf die Hardware schaut, ist zu sehen, dass das elektromagnetische Medium als ein technisch hergestelltes Seiendes auch eine bestimmte Form hat (und aus bestimmten geformten Stoffen wie Metall, Kunststoff, Draht etc. besteht). Entscheidend ist, ob man sich innerhalb oder außerhalb der elektromagnetischen Dimension, d.h. der natürlichen oder der digitalen Welt, bewegt. Das Hinein und Hinausgehen ist immer möglich. Solange man etwa durch das Schnittstellenfenster ins Netz schaut, hat man nur mit digital Seienden zu tun, die sich durch ein unsichtbares, sinnlich unerfahrbares Medium bewegen. Das bedeutet, dass wir uns zugleich in unterschiedlichen Seinsentwürfen bewegen, auch wenn wir sie nicht als solche wahrnehmen und sie immer schon vergessen haben. Das mathematisch in formierte, elektromagnetische e)kmagei=on wird also zu einer Dimension für sich. Es ist die xw/ra, in die die digital Seienden eingeschrieben werden und sich aufhalten. Platonisch gedacht vermittelt dieser Raum zwischen dem Sinnlichen (von dem digital abstrahiert wird) und dem Übersinnlichen (hier: dem mathematischen technischen Wissen). Diese so eingeprägten Seienden können sich frei im Medium bewegen, und das übersinnliche mathematisierte Wissen ist damit im digitalen elektromagnetischen Medium materialisiert worden. 5. Digitale Technologie und KapitalWenn der digitale Seinsentwurf um sich greift und zu einem Entbergungsmodus des Seienden im Ganzen wird, und wir dann mit Recht von einem Gesamtentwurf des Seins des Seienden sprechen können, dann erscheinen alle Regionen des Seienden als digital seiend. So sprechen wir heute auf einmal etwa von E-Commerce, E-tailing und E-conomy, aber auch von virtuellen Hochschulen, virtuellen Gemeinschaften, Internet-Demokratie, digitalen Bibliotheken usw. Es findet in der Tat eine Verdopplung des Seienden in physisch und digital Seiendes statt, denn die Entsprechungen ergeben sich von selbst. Ein Buch etwa kann genauso gut auf Papier oder aber in digitaler Form abgespeichert werden. Die ontologische Voraussetzung dafür ist, dass der diskrete, aus Silben und Buchstaben bestehende lo/goj wiederum auseinander genommen und in Zahlen dargestellt wird. Oder genauso gut können sich etwa Menschen im elektromagnetischen Medium des Internet begegnen, um sich auszutauschen, voneinander zu lernen oder Handel zu betreiben.Es ist insbesondere lehrreich zu sehen, wie die (unausdrückliche) Ent-deckung des digitalen Entwurfs des Seienden als solchen sich in der Welt des Kapitals, d.h. in der Wirtschaft, auswirkt. Da sind wiederum bisher zwei exemplarische Branchen, die in erster Linie von der neuen Dimension des Cyberspace und der Digitalisierung überhaupt betroffen sind: die Telekommunikationsbranche selbst und die Banken bzw. die Finanzindustrie, und dies aus Gründen, die mit dem Wesen der Digitalisierung selbst zu tun haben. Die Telekommunikationsgesellschaften unterstehen dem Zwang, eine einheitliche, allumfassende (o(/lon) Dimension des elektromagnetischen Mediums techno-logisch herzustellen, zu öffnen und bereit zu stellen, damit die digital Seienden frei und ohne Grenze zirkulieren können. Diese Dimension muss weltumspannend sein, wenn ein solches Kapital auf die Dauer überlebensfähig bleiben soll. Die digitalen Entitäten müssen sich durch den Cyberspace überallhin widerstandslos um den Erdball bewegen können, das ist der finale Sinn, die Teleologie der Vernetzung. Daran arbeiten derzeit die riesigen transnationalen Kapitale in der Telekommunikationsbranche. Unter dem Zwang und der Disziplin der Konkurrenz ent-sprechen sie einem metaphysischen Geschick, ohne überhaupt davon zu ahnen, dass sie dies tun. "Sie wissen es nicht, aber sie tun es." (Marx) Das Wesen kann unerkannt bleiben und in der Regel bleibt es auch unerkannt , während die phänomenalen Erscheinungsformen ihm trotzdem durchaus entsprechen. Die andere Branche, die in besonderem Maße von der Digitalisierung betroffen ist, sind die Banken bzw. die Finanzindustrie. Die Banken sind auch gezwungen, die eine, einheitliche Dimension des elektromagnetischen Mediums vollkommen auszuloten, und sie können und müssen dies tun, weil die 'Ware', mit der sie handeln, nämlich: das Geld, zum einen als allgemeines Äquivalent des Warenreichtums universell ist und sein muss und zum anderen in einem beliebigen Stoff quantitativ als Zahl eingeprägt werden kann. Bereits die Münze ist ein Geprägtes; heutzutage reicht es schon, wenn eine (staatlich sanktionierte) Zahl im elektromagnetischen Medium geprägt wird und diese von irgendjemandem besessene Zahl von einem Besitzer zum anderen übertragen werden kann; das ist schon Geld und es kann sich in dieser Form als Kapital frei bewegen. Das Kapital bedarf der Dimension des Wertseins(4), die auch abstrakt-quantitativ bestimmt ist. Nur in dieser quantitativen Seinsdimension, die ein Mehr oder Weniger zulässt, ist das Geld bzw. kann und muss das Kapital rechnen. Alle ökonomischen Phänomene lassen sich quantitativ erfassen, d.h. messen, und dieser Umstand bildet die wesentliche Voraussetzung dafür, dass alles Ökonomische durch die digitale Technik erfasst werden kann und muss sei es etwa durch auf ökonometrischen Daten basierende, makroökonomische Simulationsmodelle, sei es durch maßgebliche Statistiken wie Verteuerungsraten, Arbeitslosenquoten usw., die Hinweise zur (kybernetischen) Lenkung der Wirtschaft liefern. Das Wesen des Kapitals ist eine Bewegung des vergegenständlichten Werts, die auch wesentlich quantitativ ist, und die Konkurrenz unter den Kapitalen muss diesem Wesen entsprechen und somit auch den Bewegungen der Wertzahlen gehorchen. Von daher der Zwang, dass die Banken zusammenschmelzen. Entweder tun sie dies, oder sie gehen unter, werden von einem größeren Kapital geschluckt, denn die Kostensenkungen werden hauptsächlich durch immer größer werdende Massen an monetären Berechnungen erzielt, die am effizientesten per Rechner im elektromagnetischen Netz abgewickelt werden können. Da das Geschäft der Banken in großem Maß aus Geldtransaktionen und -bewegungen besteht, lassen sich diese elektronisch-digital erfassen und so ausführen, dass enorme Kosten gespart werden. Auch die Bankkunden teilweise durch monetäre Anreize müssen dazu gebracht werden, dass sie den Umgang mit der digitalen Technik lernen und damit zur Kostensenkung ihrer Banken beitragen. Freilich bleiben die umwälzenden Auswirkungen des digitalen Gesamtentwurfs nicht lediglich auf zwei beispielhafte Wirtschaftsbranchen beschränkt, aber diese beiden Branchen eignen sich besonders zur Illustration, weil sie selber so digital-abstrakt sind, d.h. in dem einen Fall ihr Geschäft mit dem 'formlosen' elektromagnetischen Medium selbst machen oder im anderen Fall direkt mit dem Geld, das quantitativ formbestimmt ist. Beim elektronischen Handel wird in erster Linie und maßgeblich die Geldseite (Orderabwicklung, Buchführung, Bestellung neuen Bestands usw.) ausschließlich und so weit wie möglich automatisiert in der digitalen Dimension erledigt, während die Waren ('leider') noch physisch hergestellt, verpackt, verschickt usw. werden müssen, freilich mit Hilfe eines massiven Einsatzes der digitalen Technik in der Produktion und der Logistik. In der Finanzindustrie ist die Ware selbst eine Geldform oder eine geldnahe Form, und dies bedarf dann keiner physischen Ergänzung (Transport etc.), sondern der Handel lässt sich völlig innerhalb der digital-arithmetischen Dimension abwickeln mit all den damit verbundenen Vorteilen der kybernetischen Automatisierung. Die ganze Phase der wirtschaftlichen Globalisierung, wie wir sie heute durchmachen, ist vom digitalen Entwurf getragen (während die historisch erste Phase der Globalisierung wohl u.a. durch die technische Entwicklung der Schifffahrt, d.h. durch eine ent-fernende Technologie mit globaler Reichweite, ermöglicht wurde). Es ist dieser Entfernungen abschaffende, Zeitdifferenzen einebnende Seinsentwurf, der durch die digitale Technik die Welt als einen einheitlichen, 'gleichzeitigen' Globus erst ermöglicht. In der Ent-sprechung zum digitalen Entwurf werden wir, die Menschen, gezwungen, mit der neuen Weltöffnung mitzuhalten. Ein Aspekt davon ist, dass wir wegen der Beschleunigung durch die ent-fernenden Technologien und die kybernetische Automatisierung immer weniger 'Zeit haben'. Die zeitsparenden Technologien führen zu keinem Zeitersparnis für die Menschen. Der digitale Seinsentwurf ist schillernd, er eröffnet uns existentielle Möglichkeiten einerseits und macht uns andererseits zu bloßen Mitläufern von Entwicklungen, die über uns hinweg rollen. Wir laufen mit und laufen etwas atemlos nach. Im ganzen Gerede von der Globalisierung heutzutage wird das Wesen freilich überhaupt nicht gesehen. Die Menschen sind da ontologisch völlig blind und vergesslich und geben sich mit soziologischen Erklärungen zufrieden. Es ist noch unermesslich, unberechenbar und unabsehbar, wie sich der digitale Entwurf etwa in den nächsten fünfzig Jahren noch entfalten wird. Am bedenklichsten jedoch ist es, dass die Seinsherkunft der digitalen Technologie gar keine Frage ist. Wir haben die unerlässliche Rolle des philosophischen Wissens aus dem Auge verloren, die etwa in Hegels Worten darin besteht, "das zu untersuchen, was man sonst für bekannt hält". "Aber solch Bekanntes ist gewöhnlich das Unbekannteste." "Das Geschäft der Philosophie besteht nur darin, dasjenige, was rücksichtlich des Denkens den Menschen von alters her gegolten, ausdrücklich zum Bewusstsein zu bringen. Die Philosophie stellt somit nichts Neues auf; was wir hier durch unsere Reflexion herausgebracht, ist schon unmittelbares Vorurteil eines jeden."(5) An dieser Stelle brauchen wir noch weitere Überlegungen zur wesentlichen Entsprechung zwischen dem Wesen der Technik und dem Wesen des Kapitals(6). Beide gehören zum selben aristotelisch-cartesischen, ontoarithmologischen Entwurf des Seienden im Ganzen, zur Zergliederung bzw. zum Auseinandernehmen des Seienden in logische bits, die als ortlose, berechnete Seiende ganz beliebig in der Dimension des elektromagnetischen Netzes eingeprägt werden und überallhin anwesen können. Insbesondere: Im Geld wird das Wertsein des Seienden quantitativ verkörpert und dingfest. Das Geld als das "allgemeine Äquivalent" ist ein arithmetisches (und deshalb a)/qetoj, a)/topoj) Abstraktum, womit gerechnet werden kann, und als solches entspricht es dem digitalen Seinsentwurf und somit auch dem weltumspannenden, einheitlichen, technoarithmologisch hergestellten Cyberspace, es geht darin auf, und der Kreislauf der Kapitale nimmt auch in aller virtuellen Wirklichkeit ein Eigenleben an, genauso wie Marx dies im Fetischismus-Kapitel des Kapital und anderswo analysiert. Dies ist die Verselbständigung des Kapitals gegenüber der Existenz der Menschen, und sie wird erst in ihrer vollendeten Form durch den digitalen Seinsentwurf er-möglicht, denn beide Kapital sowie digital Seiendes sind im Wesen arithmo-logisch, d.h. sie haben beide eine numerische, (be)rechnende Natur. Bei Marx bedeutet Fetischismus, dass den Produkten menschlicher Arbeit als Waren, d.h. von der Dimension des Wertseins her erfasst bzw. entborgen, eine 'magische Kraft' verliehen wird. Unter der Warenform nehmen die Produkte selbst (die durchaus auch Dienstleistungsprodukte sein können und keinesfalls eine handfeste Form wie etwa Industrieprodukte annehmen müssen) den Seinscharakter von Werten an. In den Austauschverhältnissen auf dem Markt nehmen die Waren als Wertverkörperungen ein Eigenleben an. Am blendendsten ist der Fetischismus in der Wertform des Geldes, denn das Geld selbst als Ding scheint mit magischer Kraft ausgestattet zu sein, während 'in Wahrheit' diese Kraft als allgemeines Äquivalent für alle Waren eine Seinsherkunft hat, die nicht im Ding 'Geld' selbst, sondern laut Marx in den Gesellschaftsverhältnissen liegt (und noch ursprünglicher im Wertsein des Seienden selbst, wobei das Seiende sich dem Menschenwesen als wertvoll entbirgt, und so das Seiende im Ganzen und das Menschenwesen in dieser Wertdimension einander vereignet sind). Eine weitere Form des Fetischismus liegt im zinstragenden Kapital, das 'von sich aus' einen Zinsertrag abwirft. 'In Wahrheit' jedoch, d.h. in der vollen Aufgedecktheit des Wesens, ist der Zinsertrag eine Erscheinungsform der Verwertung des Werts, d.h. des quantitativen Zuwachses des verdinglichten Wertseins durch seine produktiven Kreisläufe. Alles kommt deshalb darauf an, die Seinsherkunft des Werts aufzuklären, d.h. in die Wertdimension selber als eine mit Eigenleben versehene Dimension gedanklich einzutreten. Ob Marx den Wert letztlich als eine abstrakt vergesellschaftete Vergegenständlichung menschlicher Arbeit und damit die vergesellschaftete menschliche Arbeit selbst als das letzthinnig Wertvolle angemessen begriffen hat, steht erst einmal auf einem anderen Blatt. Es stellt sich nämlich für ein tieferes, nachmetaphysisches Nachdenken heraus wie bereits oben angedeutet , dass der Wert bzw. das Wertsein aus einem tieferliegenden Wesen waltet, das ich das Gewinnst nenne, von dem her alles Seiende als verwertbar um des Gewinns willen entborgen wird. Das Wertsein der Waren liegt in ihrer Eignung, einen Gewinn einzubringen, und dieses Potential, einen Gewinn abzuwerfen, wird vornehmlich quantitativ-dinglich im Geld gemessen. Im Begriff des Fetischismus bei Marx liegt der Gedanke des Verlusts menschlicher Kontrolle, denn die Wertdimension wird bei Marx letztlich auf die gesellschaftliche Arbeit zurückgeführt (die somit unausdrücklich als letztlich das alleinige Wertvolle veranschlagt wird), und es wird aufgezeigt, dass wegen der in kapitalistischen Gesellschaften vorherrschenden Warenform die bewusst organisierte, gesellschaftliche Arbeit als solche nicht als Grundlage, d.h. als Subjektum, der menschlichen Wirtschaftstätigkeit dient, sondern dass diese Subjektrolle von der vergegenständlichten Arbeit selbst als Kapital übernommen, wenn nicht geradezu usurpiert wird. Diese marxsche Rückführung ins Wesen ist in der neuzeitlichen Subjektivitätsmetaphysik in der Form verortet, dass der vergesellschaftete Mensch als das letzthinnige Subjekt des Seienden im Ganzen angesetzt bzw. entworfen ist. Nur innerhalb einer solchen Metaphysik kann man das Kapital als so etwas wie ein (entfremdetes) 'menschliches Produkt' bezeichnen. Auf keinen Fall jedoch lässt sich das Kapital schlechthin als ein menschliches Produkt oder gar als Technologie angemessen denken, noch hat es wie manche sozialphilosophische oder sozialwissenschaftliche Theorie es haben will einen 'rein zweckrationalen Charakter', denn es ist ein 'unzweckmäßiges' Prinzip des Wirtschaftens, nämlich: aus einer Kapitalsumme wird mehr Geld, d.h. Geldmachen erscheint als Selbstzweck, was 'irrational' ist. Noch kann das Kapital überhaupt als eine Technologie apostrophiert werden, sondern es könnte höchstens in einen Zusammenhang mit der platonischen te/xnh kthtikh/ in der Abgrenzung gegen die te/xnh poihtikh/ (vgl. Sophistês 219c und GA19:272ff) gebracht werden. Der Fetischismus des Kapitals hat deshalb mit Technologie bzw. technischen Produkten und einer möglichen Verselbständigung derselben nichts zu schaffen. Das wäre eine vollkommene Verkennung des Phänomens des ökonomischen Fetischismus, wie es zum ersten Mal von Marx erblickt wurde. Der Ursprung des Fetischismus muss vielmehr in der seinsmäßigen Wertdimension gesucht werden, und das Phänomen 'Technologie' muss vermittelt über diese Wertdimension etwa als Faktor der Verwertungssteigerung wieder eingeholt werden. Das Wertsein selbst, die Entbergung des Seienden als wertvoll, ist kein menschliches Produkt, keine Machenschaft des Menschen, auch wenn die Menschen notwendigerweise an der Wertdimension in demselben Sinn beteiligt sind, wie die Menschen an den Ideen 'teilhaben'. Es wird öfter darauf hingewiesen, dass moderne technische Systeme hoch komplex und deshalb unübersichtlich sind, was dann zu einer gewissen Verselbständigung führt. Wenn man davon ausgehend versucht, die Unübersichtlichkeit der kapitalistischen Wirtschaft was kein bloßes modernes technisches System ist als eine Komplexität sich klar zu machen, dann wird das Sein, und d.h. hier: die ontologische Dimension des Werts, aus den Augen verloren und eine ontische Erklärung stattdessen angeboten. Das Sein des Kapitals kann nie durch einen Komplexitätsbegriff noch einen Systembegriff eingeholt bzw. geklärt werden, da solche Begriffe die Frage nach dem Sein blindlings überspringen und Sein durch Seiendes erklären. In der marxschen Entwicklung der Wesensanalyse des Kapitals kommt es früh in der Darstellung im Kapital aufgrund eines Wertbegriffs zu einer Bestimmung des Kapitals als eines "automatischen Subjekts" im Sinne der Selbstverwertung des Werts. Dies heißt aber nicht, dass das Kapital so etwas wie ein künstliches Subjekt wäre, denn es ist weder künstlich im Sinn von 'nachahmend', noch ist es durch Kunst, sprich Technik, hergestellt. Der Subjektcharakter des Kapitals muss über den Wertbegriff bzw. die Wertdimension gesucht werden. Die kapitalistische Wirtschaftstätigkeit entfaltet sich unter dem Prinzip (a)rxh/), dass aus vorgeschossenem Kapital (Geld) mehr Kapital (Geld) zurückfließen soll. Dieses Prinzip ist keineswegs komplex, sondern höchst einfach, und seine Ursprünge liegen nicht erst im 19. Jahrhundert, sondern schon in alten Zeiten. Bereits Aristoteles machte sich Gedanken über die grenzenlose Bereicherung durch die Chrematistik. Das Prinzip der Verwertung des Gelds, seine Selbstvermehrung, kommt von einer fern liegenden Herkunft auf uns zu (als Geschick), genauso wie die moderne Technik aus der te/xnh als poiaetisch-wissender Entbergungsweise stammt. Marx sagt ausdrücklich, dass seit Aristoteles in der Klärung des Wertbegriffs kein einziger Schritt vorwärts getan worden sei. Das hört sich so an wie Kants ähnliche, parallele Bemerkung bezüglich der aristotelischen Logik. "Geschick" meint hier nichts Schicksalhaftes im Sinne einer fremden Macht, die über unsere Geschicke entscheiden würde, sondern wohl der von uns nie völlig durchschaubare und steuerbare, zuweilen sprunghafte Verlauf (also keine behagliche, etwa 'evolutionäre', Ent-wicklung) der seinsgeschickten Entbergung von Welt, d.h. der verschiedenen Weisen, wie wir den Phänomenen begegnen können und sie ansprechen bzw. wie wir zulassen, von ihnen angesprochen zu werden. Es geht immer um den Wandel in der Weise, wie sich die Welt uns entbirgt. Das Geschick ist kein Seiendes, sondern muss gehört werden als ein Schicken und Empfangen, ein Geben und Nehmen, in das der Mensch als Empfänger und Abnehmer hineingehört. Um auf die Frage nach der Komplexität zurückzukommen: Marx untersucht die Komplexität der kapitalistischen Wirtschaft erst im zweiten Band des Kapital: Der Zirkulationsprozess des Kapitals, wo die Unübersichtlichkeit und Kompliziertheit des ökonomischen Ganzen thematisch wird, die viele Möglichkeiten im Gesamtprozess offen lassen, so dass Reibungen in der Verzahnung der vielen Einzelkapitale entstehen etc. Aber bereits die Wertform selbst ist wesenhaft zufällig und unberechenbar, da, was oder vielmehr wie viel eine Ware wert ist, erst im Austauschverhältnis selbst auf dem Markt bestimmt wird. Die Wesensanalyse der Waren und Kapitalform wird bereits in den ersten Kapiteln des ersten Bands vom Kapital durchgeführt. Von Heideggers Seinsdenken her gesagt, wird dort das Sein des Kapitals ontologisch geklärt (freilich in der Sprache der Metaphysik). Nichtsdestotrotz wird in der Bestimmung des Wesens (des Prinzips) des Kapitals als Verwertung des Werts, d.h. als selbstvermehrenden Wert, deutlich, dass dieses kreisende Prinzip dem Menschen als eine fremde, entfremdete Macht gegenübertritt (wie etwa der Wille zum Willen als Bewegungsprinzip des Gestells) nicht wegen der Kompliziertheit des Wirtschaftssystems, sondern wegen der Abgründigkeit der Wertform und letztlich des Gewinnstes selbst, zu dem aber das Menschenwesen gehört. Auch im kapitalistischen Seinsentwurf liegt eine wesenhafte Unberechenbarkeit in der einfachen Wertform selbst, d.h. darin, dass Waren auf dem Markt sich 'bewähren' müssen und dass, ob und zu welchem Preis Waren sich verkaufen lassen, wesenhaft einer grundlosen Unberechenbarkeit ausgesetzt bleibt. Hierin liegt eine wesenhafte Grenze für die kybernetische Technik. Die endlosen Kreisläufe des Bestellens, von denen Heidegger im Zusammenhang mit dem Wesen der Technik ausführlich spricht(7), sind die wesensselbigen wie die Kreisläufe des Kapitals und dies nicht einmal notwendigerweise in einer anderen phänomenalen Gestalt, zumal es immer die Kapitale bzw. Unternehmen selbst sind, die die Technik vorantreiben und die technisierte Produktion steuern. Sowohl beim technischen Fortschritt als auch bei der Kapitalakkumulation ist eine endlose Vermehrung um der Vermehrung willen im Gange, wobei die beiden Tendenzen ineinander verzahnt sind. Mit Hinblick auf die wesenhafte Zufälligkeit und Unberechenbarkeit der Wertform stellt sich die Frage, wie sie mit Heideggers Charakterisierung der Vollendung der Subjektivität als "Sicherung" des Willens zum Willen zusammenhängt. Z.B. schreibt er: "Der Mensch stellt von sich aus sein Wesen auf Sicherheit inmitten des Seienden gegen und für dieses. Die Sicherung im Seienden sucht er durch eine vollständige Ordnung alles Seienden im Sinne einer planmäßigen Bestandsicherung zu bewerkstelligen, auf welche Weise sich die Einrichtung im Richtigen der Sicherheit vollziehen soll."(8) Hier ist Heideggers Blick auf die totalisierende Kybernetik gerichtet, die aber als selbsttäuschender Schein aufgedeckt werden muss, sofern die Kybernetik nur mit dem Seienden rechnet und rechnen kann, denn sie ist dem Sein gegenüber, das das Seiende ja übersteigt, ohnmächtig. Das Sein selbst einschließlich des Wertseins ist abgründig-unberechenbar und jenseits jedweder kybernetischer Kontrolle. Die Dimension des Wertseins in seinem wirtschaftlichen Sinn ist allerdings bei Heidegger nirgends Thema, und dies müssen wir in einer von Heidegger inspirierten Neulektüre marxscher Schriften lernen. Im Gewinnst liegt eine wesenhafte Grenze der kybernetischen Technik, denn die Technik vermag wesenhaft nicht, die Wertvermehrung zu steuern. Das Wertsein des Seienden ist technisch nicht herstellbar. Es ist nun die weitere Frage, ob mit dem vorgängigen digitalen Seinsentwurf und u.a. der daraus resultierenden Digitalisierung der Wirtschaft etwas grundlegend verändert wird, ähnlich dem Wandel der vormathematischen (vornewtonschen) aristotelischen Physik in die cartesisch-newtonsche Physik. Kommt eine solche Veränderung einem Wesenswandel gleich, oder gehört sie vielmehr zur Wesensentfaltung einer schon längst vorgezeichneten Bahn? Wie oben (3. Digital Seiendes) bereits umrissen, ist der digitale Seinsentwurf eine Weiterentfaltung des cartesischen, mathematischen Seinsentwurfs, der wiederum eine Möglichkeit innerhalb des griechischen metaphysischen Anfangs darstellt. Die Digitalisierung der Wirtschaft läuft kon-form mit der Verwertungsbewegung von allem Verwertbaren und Bestellbaren, denn die Verwertungsbewegung lässt sich quantitativ bestimmen und ist im Wesen quantitativ, d.h. arithmologisch, auch wenn das quantitative Wertsein des Seienden selbst nicht digital-technisch hergestellt oder gesteuert, sondern nur technisch abgebildet bzw. nachgezeichnet werden kann. Das Wertsein der Dinge ist ihr Geldsein, und dies ist quantitativ bestimmt. Dass die Dinge auf das allgemeine Tauschverhältnis hin immer schon erschlossen sind, leistet eine Abstraktion von ihrer sinnlichen Gegebenheit auf Quantität, d.h. auf Zahl, hin. Die Kreislaufbewegung ist auch eine quantitative Bewegung G1WG2, wo G2 > G1 sein soll. Es soll mehr Geld zurückfließen als vorgeschossen wird. Wenn nicht, ist ein solcher Kreislauf des Werts auf kurze oder lange Sicht unmöglich, weil er sich selber vernichtet bzw. verschlingt. Solche quantitativen Wertbewegungen lassen sich digital erfassen, auch wenn es keine 'Bewegungsgesetze' solcher Wertbewegungen gibt entsprechend den Bewegungsgesetzen in der Physik, denn das Wertsein selbst entzieht sich eines technischen Zugriffs. Die Digitalisierung der Zirkulation der Waren unter Verwendung der digitalen Technik gibt wegen ihrer Konformität mit dem digitalen Seinsentwurf der Verwertungsbewegung des Kapitals einen mächtigen Schub, eine kräftige Ausweitung, weil trotz aller fundamentalen und abgründigen Unberechenbarkeit des Wertseins die ganze Geldseite der Bewegung, die immer parallel (und gegenläufig) zur materiellen Bewegung läuft, in automatischen Systemen erfasst und gesteuert werden kann, was wiederum die Kreislaufbewegung (und somit auch die Vermehrung des Werts) beschleunigt und so unter sonst gleich bleibenden Bedingungen die Produktivität und die Gewinnträchtigkeit des Gesamtprozesses erhöht. Die arithmologische Auflösung von allem, was ist, vollendet sich gewissermaßen im totalen Cash-flow, der möglichst überwacht und gesteuert werden soll. Die arithmologische Ontologie eröffnet den Zugang zu den Dingen auch in dem Sinne, dass sie alles im vorentworfenen abstrakt quantitativen Wertsein gleich gültig macht. Die einzigen verbleibenden Unterschiede sind nur quantitativer Art, in Geldeinheiten messbar. Als bloße Zahlen ihrem Wertsein nach haben die Dinge keine Orte mehr, sie sind a/)qetoj und arithmetisch auseinander genommen (diai/resij) als Bestand-Stücke von Kapitalkreisläufen. Von daher gesehen ist der Kapitalismus die im Wirtschaftsleben praktizierte arithmologische Auflösung und Verflüchtigung des Seienden. Marx sagt: "Alles Ständische und Stehende verdampft..." (Manifest der Kommunistischen Partei MEW4:465). Alles ist kaum ständig noch? Die Digitalisierung beschleunigt die Verdampfung, aber die Digitalisierung selbst kommt von sehr weit her und ist in einem gewissen Sinn nichts Neues, sondern Erstanfängliches. Die Bewegung des Kapitals im weitesten Sinn (also nicht bloß Geldbewegungen, sondern auch Handel, Umschlag und Umsatz des Kapitals) schickt sich an, im elektromagnetischen digitalen Medium sich heimisch zu machen. Alles, was ist, eröffnet sich uns als wertvoll im weitesten Sinn (was auch das Wert-lose einschließt) und ist der Aneignung bzw. dem Erwerb nach gewissen Spiel-Regeln freigegeben. Dieses Wertsein umfasst nicht nur das Nützlichsein (Um-zu), sondern auch alles, was den Menschen so angeht, dass er es schätzt (auch Ikonen, Kunstwerke, feinkörnige Sandstrände, 'unberührte' Natur überhaupt,...), und es umfasst all dieses in der Weise, dass es sich nach seinen Gewinn bringenden Möglichkeiten zeigt. Das Geld ist der Vermittler in dieser Dimension des Wertseins, das Medium, das den Zugang zum Habhaftwerden des Wertvollen ermöglicht. Es sei hier dahingestellt, ob das Wertvolle ein Ding ist, eine menschliche Leistung (z.B. Arbeit), ein Stück Natur oder abgeleitet und sozusagen zweiter Ordnung Geld selbst (Zins). Das Geld |